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Das Bilderbuch „Die Reise“ : Die bunten Abenteuer einer Kreidereisenden

Aaron Becker: „Die Reise“. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2015. 40 S., geb., 14,95 €. Ab 5 J. Bild: Gerstenberg Verlag

Was macht ein kluges Mädchen mit einem Stück Kreide? Es zeichnet sich durch die heikelsten Situationen. Das zeigt Aaron Beckers fast perfektes Bilderbuch „Die Reise“.

          2 Min.

          Menschen, die den Rotstift ansetzen, machen sich im Regelfall nicht beliebt. Das ist in Aaron Beckers Bilderbuch „Die Reise“ ganz anders. Der 1974 geborene Amerikaner erzählt von einem Mädchen, das auf dem ersten Bild traurig vor der Haustür in einer großen Stadt sitzt. Ihr feuerroter Roller lehnt daneben, doch eine fröhliche Kindergruppe auf der anderen Straßenseite schenkt ihr keine Aufmerksamkeit. Und auch Mutter, Vater und große Schwester haben in der Folge keine Zeit für das Mädchen; deprimiert zieht es sich in sein Zimmer zurück.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dort entdeckt es ein Stück rote Kreide und zeichnet sich damit eine Tür auf die Wand, durch die es hinaustritt. Augenblicklich findet sich das Mädchen in einem großen Wald, und fortan erlebt es zahlreiche Abenteuer in dem Märchenland, das es betreten hat. Wann immer ein Hindernis auftritt, verschafft es sich mit der roten Kreide Hilfsmittel zu dessen Überwindung, und dabei kommen Boote oder Fesselballons genauso zum Einsatz wie ein fliegender Teppich. Am Schluss findet es dann eine andere Tür, in einer anderen Farbe.

          Was zeichnet sie da nur?

          Aaron Becker kennt die Klassiker. Sein 2013 in den Vereinigten Staaten erschienenes erstes Bilderbuch verdankt Winsor McCays mehr als hundert Jahre alter Comicserie „Little Nemo“ oder David Wiesners Bilderbuch „Free Fall“ von 1988 die Grundidee zu der Reise: Ein normales Kind wird aus seinem Zimmer in eine phantastische Welt versetzt. Das Traummotiv wird von Becker aber nur augenzwinkernd benutzt, denn als das Mädchen die Kreide findet, liegt es zwar auf seinem Bett, doch dorthin kehrt es anders als McCays und Wiesners Protagonisten nicht wieder zurück.

          Wobei die Realität im Märchenland jenseits des Kinderzimmers durchaus mit sämtlichen Versatzstücken kindlicher Träume spielt. Befestigte Städte mit goldenen Kuppeln finden sich dort ebenso wie aufwendige Flugmaschinen oder orientalische Paläste. Becker nutzt für seine Illustrationen bevorzugt die doppelseitige Totale, doch immer dann, wenn das Mädchen sich mit der roten Kreide aus einer Patsche hilft, isoliert er seine Hauptfigur auf einer weißen Einzelseite und zeigt jeweils in einer dreiteiligen Sequenz die fortschreitende Zeichenarbeit, ohne dass man als Leser schon wüsste, was daraus werden soll. Das sieht man jeweils erst nach dem Umblättern zum nächsten Panoramabild.

          Eine unerschöpfliche Quelle

          Hier hat jemand das Prinzip des Bilderbuchs verstanden, und Becker braucht auch kein einziges geschriebenes Wort, um seine Geschichte zu erzählen. Zugleich bieten seine opulenten Aquarellillustrationen Anregung zum Wiederbetrachten. Und sogar eine Moral hat „Die Reise“ zu bieten, nämlich die, dass auch das gewitzteste Kind noch davon profitiert, wenn es sich mit einem anderen gewitzten Kind zusammentut.

          Hätte Aaron Becker dieses Finale im allerersten Bild nicht so überdeutlich vorweggenommen, dann könnte man das Buch perfekt nennen. So bleibt die angestrebte Überraschung am Ende aus. Aber dafür eröffnet sich dem Autor die Option auf Fortsetzung, die er nach dem amerikanischen Erfolg seines Debüts auch sofort ergriffen hat. Im vergangenen Sommer erschien „Quest“, in dem nun zwei gewitzte Kinder mit ihren Kreiden auf Abenteuer ausgehen. Abermals lässt Becker darin seiner Phantasie auf eine Weise freien Lauf, die sich wenige Illustratoren leisten, weil die meisten lieber avanciert als traditionell erscheinen wollen. Aber Tradition ist als Quelle unerschöpflich. Man darf erwarten, dass Becker weitere Kreidereisen folgen lassen wird. Der Gerstenberg Verlag könnte aber zunächst einmal sein zweites Buch veröffentlichen.

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