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A.L. Kennedy: „Onkel Stan und Dan und das gar nicht lieblich-niedliche Mondabenteuer“. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag Orell Füssli, Zürich 2020. 272 S., geb., 14,95 €. Ab 9 J. Bild: Orell Füssli Verlag

Kinderbuch von A.L. Kennedy : Liegt da ein Gag am Wegrand?

Den Dachs totreiten: A.L. Kennedy setzt ihre Romanserie „Onkel Stan und Dan“ fort. Mit einem Mondabenteuer. Und dem schurkischen Plan, aus Lamanasen Schmuck zu machen. Und einer überdekorierte Geschichten-Torte.

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          Einem Dachs wie Dan kann man viel unterstellen. Dass er sich vielleicht einen Hauch zu viel für Kakao und Kuscheldecke interessiert, beispielsweise. Aber niemals würde er seine Freunde im Stich lassen. Dass er es nun tut, zeitweise zumindest, hat damit zu tun, dass Dan sich verliebt. In eine Dachsdame, die so viel Rosa trägt, dass einem schon in einer schwarzweiß gedruckten Beschreibung schlecht wird. Jedenfalls, wenn man zwischen sechs und zehn Jahre alt ist und „Liebe“ genau wie „rosa“ oder „Heiraten“ ein Triggerwort für Würgereiz ist.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Gefühl für ihre Zielgruppe hat man A.L. Kennedy schon vor zwei Jahren attestiert, als mit „Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer“ ihre Kinderbuchserie begann. Als Autorin für erwachsene Leser mit Sensorium für die Komplexitäten des Lebens, gern auch jenseits dessen, was man real nennen würde, ist Kennedy bekannt. Seit 2018 schreibt sie mit „Stan und Dan“ auch Kinderbücher, über Geschichten, die sie sich Jahre zuvor ausgedacht und erzählt hat, angeblich für ihre Patenkinder, die längst erwachsenen Kinder von Tilda Swinton.

          Es könnte sein, dass damals noch 30 Kilo Adjektive, mehrere Kartons Klammern und sieben Kilometer Bindestriche weniger im Gebrauch waren. Vielleicht blieb sogar an der ein oder anderen Stelle ein Gag unabgeholt am Straßenrand stehen. Im dritten Band jedenfalls legt sich Kennedy keine Fesseln mehr an – jede Assoziation, jede Erläuterung, jeder Nebenstrang wird gnadenlos eingeflochten in ein weiteres Abenteuer der Guten um Stan und Dan gegen den bösen Sylvester Perlenkralle. Der will aus Lamanasen Schmuck machen und außerdem Stans und Dans Existenz ruinieren. An Drastik also fehlt es nicht und nie am ironischen Abstand der Erzählerstimme, die schon bevor es dramatisch wird signalisiert, dass das Drama doch nur ein ausgedachtes ist. Damit kriegt man Lacher, aber nicht unbedingt Sympathien. Jedenfalls nicht so wie die zahllosen Vorbilder der britischen surrealen, komisch-ironischen Erzählkunst für Kinder von Lewis Carroll bis Andy Stanton. Die großartigen Zeichnungen von Gemma Correll allerdings geben die krausen Ideen Erdung und lassen das scheinbar Normale fliegen.

          Kennedy gehorcht dem gerade im Kinderbuch beliebten Gesetz der Serie und wirft erstaunlicherweise alles weg, was sie in ihren Romanen für Erwachsene tut. So ist der dritte Band von „Stan und Dan“ so überfrachtet, so verliebt in jeden Schnörkel und in jedes der unzähligen Wortspiele, dass diese überdekorierte Geschichten-Torte nicht taugt.

          A.L. Kennedy: „Onkel Stan und Dan und das gar nicht lieblich-niedliche Mondabenteuer“. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag Orell Füssli, Zürich 2020. 272 S., geb., 14,95 €. Ab 9 J.

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