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A. L. Kennedy: „Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer“. Mit Illustrationen von Gemma Correll. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Orell Füssli Kinderbuch Verlag, Zürich 2018. 192 S., geb., 14,95 €. Ab 9 J. Bild: Orell Füssli Kinderbuch

A.L. Kennedys Kinderbuch-Debüt : Werde ich denn bald gerettet?

Ein tapferer Dachs in auswegloser Lage, vier Lamas, die auf eine Annonce hereingefallen sind, und ein tanzender Onkel: Ihr erstes Kinderbuch zeigt A.L. Kennedy als Meisterin im Spiel mit Erwartungen.

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          Man kann Kindern auch wirklich alles erzählen, wenn man erzählen kann. Zum Beispiel, dass ein Dachs auf einen Hof entführt wird, auf den auch vier Lamas gelockt worden sind, allen Fünfen droht dort Schlimmes, dann kommt einer und entwickelt einen fast vollständigen Plan, wie den armen Tieren zu helfen sei. Schrecken, Showdown und Schluss, so einfach ist das.

          So einfach ist das, wenn man das erste Kinderbuch der schottischen Autorin A.L. Kennedy auf seine nackte Handlung herunterbricht. Und sofort ist klar, dass es bei „Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer“ um etwas mehr gehen muss als um den Plot, und zwar um etwas, womit man aufgeweckte Kinder besser kriegt als noch mit der ausgeklügeltsten Geschichte: um Quatsch und Sprachlust. Die vier Lamas sind nämlich zum Beispiel mit besonderer Perfidie auf den schottischen Bauernhof gelockt worden: Sie haben den Gratis-Aufenthalt in einem Gedichtwettbewerb zum Thema „Warum sind Socken nützlich“ gewonnen.

          Jetzt werden die Ärmsten von den schurkischen McGloones nicht nur schlecht ernährt und schlimm geschoren, es werden auch noch Socken aus ihrer Wolle mit einzelnen ihrer Gewinner-Verse beworben. Und Dan ist nicht einfach nur irgendein Dachs, sondern ein kleiner von besonders großer Menschenkenntnis. Gerade frisch entführt, verrät ihm seine feine Nase schon, dass derjenige, „der ihn da so schrecklich in diesem schrecklichen Sack herumschleppte, ein schrecklicher Mensch“ sein müsse: mit einem Herz „voller Nägel und Sand und Gehässigkeit.“ In einem Schulaufsatz gäbe es von unbedachten Lehrkräften an dieser Stelle Punktabzug für Wortwiederholung, für A.L. Kennedy gibt es ein Sondersternchen für erzählironische Eindringlichkeit.

          Drei gegen einen

          Die Autorin hat die Geschichte einst geschrieben, um sie ihren Patenkindern vorzulesen, weil Honor und Xavier – die Söhne Tilda Swintons, heute fast zwanzig – als Kinder auf einer Waldorfschule erst spät lesen gelernt haben. Es ist ein Buch zum Vorlesen, und dass die Augen des Vorlesers dabei vor lauter Aufreißen nicht ganz trocken werden, liegt nur daran, dass die Autorin mit so viel Witz erzählt, dass kein Auge trocken bleibt.

          Das Schrecklichste nämlich steht dem Ärmsten noch bevor: Am kommenden Samstag soll Dan als „Don der dreschende Dachs“ vor wettbegeistertem Publikum gegen die drei Hofhunde Reißer, Beißer und Knacker antreten, deren Blutgier und Brutalität die Autorin abermals in schauerlichsten Farben auszumalen weiß. Im Eintritt des Spektakels inbegriffen: eine frisch gebackene Pastete. Man ahnt bereits, in welchem Zusammenhang mit diesem Versprechen die armen Lamas stehen.

          Tanzen und Retten ist ein und dasselbe

          Es wird eng für die Tiere, Ehrensache für A.L. Kennedy. Es wird eng für Dan. Und natürlich ist es auch für Onkel Stan nicht ohne, seinen Befreiungsplan in die Tat umzusetzen. Zumal er nicht besonders gut im Pläneschmieden ist. Und überhaupt: Was soll einer, der barfuß in seinen Schuhen steckt, seit er die Socken einem Eichhörnchen zum Campingurlaubspielen geliehen hat, gegen Leute wie die McGloones ausrichten? Mit ihren Augen von der Farbe schlecht schmeckender Bonbons? Ihrer ungehobelten Art? Ihrem Schrank voller Messer?

          Onkel Stan ist nicht nur ein herzensguter Zausel mit einer Vorliebe für Scherzfragen, er ist auch ein etwas unwahrscheinlicher Held. Dass er am Samstag vor Sonnenaufgang an Dans Käfig auftaucht, nur um einen Beschwörungstanz zu tanzen, macht die Sache nicht viel besser. Auf Dans vorsichtige Frage „Werde ich denn bald gerettet?“ gibt er zurück, Tanzen und Retten sei ein und dasselbe. Er habe einen Plan und alles. Größtenteils. Dann verschwindet er wieder.

          Eine eindrucksvolle Geschichte

          Die britische Vorliebe, in Kinderbüchern seltsame Gestalten sonderbare Dinge machen zu lassen, haben Autoren wie Lewis Carroll und Kenneth Grahame zu einer frühen Blüte geführt. Das Vergnügen, der Erzählung eine Schlagseite ins Groteske zu geben, finden wir jüngst bei Andy Stanton oder Philip Ardagh. A.L. Kennedy hat alledem eine ganz eigene Zartheit hinzugefügt.

          Als Onkel Stan am Freitag ein erstes Mal auf den Hof kommt, um die Lage zu inspizieren, sucht ein Kätzchen hinter seinen Beinen Schutz vor den Steinen der McGloone-Kinder. Es ist eine Geschichte, mit der er die Blagen ihren Drohungen und Beschimpfungen zum Trotz in seinen Bann schlägt und nicht nur die Katze, sondern auch sich selbst rettet – in den richtigen Momenten eindrucksvoll und in den richtigen suggestiv. Denn mit gut erzählten Geschichten, das zeigt A.L. Kennedy an dieser Stelle, kriegt man nicht nur besonders aufgeweckte Kinder.

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