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Joseph O'Neill: „Niederland“ : Die letzten Bürger von Pompeji leben in New York

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Ein Mann, ein Ehepaar, eine Stadt und ein Land in der Krise: Joseph O'Neill hat mit „Niederland“ einen Roman über Amerika nach den Anschlägen vom elften September geschrieben. Mindestens so sehr wie von New Yorkern handelt er aber von Europäern.

          In Amerika herrscht wahrlich kein Mangel an erzählerischer Weite. In einem Land, wo man nicht mehr als sich selbst erfinden muss, das aber möglichst immer wieder von vorn, neigt die Literatur seit je zum Visionären, zu mythisch überhöhten Schilderungen: Das hilft bei der Interpretation einer Welt, die inzwischen zwar nicht mehr ganz so neu ist, aber die permanente Erneuerung zum Prinzip erhoben hat. Daraus erklärt sich, warum die Suche nach der great American novel, von der ja schon einige geschrieben wurden – etwa von Melville, Scott Fitzgerald, Salinger, Bellow, Updike, Roth, Franzen, um nur einige zu nennen –, also nach einem Roman, der das Land in seiner momentanen Befindlichkeit sprachmächtig erfasst, unablässig weitergeht.

          Erstaunlicherweise heißt der neuste Anwärter auf diesen Thron Joseph O’Neill. Erstaunlich nicht etwa, weil O’Neill gebürtiger Ire ist, eine türkische Mutter hat, in Holland aufwuchs, in Cambridge Jura studierte und erst seit kurzem amerikanischer Staatsbürger ist, sondern weil sein Roman „Netherland“, der im vergangenen Jahr einen fast widerstandslosen Triumphzug durch die amerikanischen Feuilletons hingelegt hat (die einzige, dafür höchst bemerkenswerte Gegenstimme war die der Schriftstellerin Zadie Smith im „New York Review of Books“), annähernd so viel über akute europäische Befindlichkeiten verrät wie über die Vereinigten Staaten nach den Anschlägen vom 11. September 2001, also über „post-America“, wie O’Neill es lakonisch nennt. Während das Werk beim britischen Booker-Preis letztlich leer ausging („zu amerikanisch“, vermuteten Kommentatoren), wurde es in den Vereinigten Staaten gleich mit mehreren wichtigen Auszeichnungen bedacht. An diesem Wochenende erscheint „Niederland“ in deutscher Übersetzung.

          Erschöpft vor Angst

          Der Erzähler heißt Hans van den Broek, ein holländischer Investmentbanker in den Vierzigern. Ende der neunziger Jahre war Hans mit seiner Frau Rachel, einer taffen Wirtschaftsanwältin, von London nach New York gezogen; die Stadt reizte sie als Erfahrung, man wollte ein paar Jahre bleiben und dann nach Europa, ins gemütlichere England, zurückkehren. Die Anschläge auf das World Trade Center vertreiben sie aus ihrem schicken Loft im nahgelegenen Tribeca; die kleine Familie – mittlerweile ist Sohn Jake geboren – sucht Unterschlupf im Chelsea Hotel, legendäres Asyl für alle Arten Künstler mit kleinem Gepäck. Was als Provisorium gedacht war, wird zum Dauerzustand; wie von einer Lähmung befallen, sind sie unfähig, in ihr Heim zurückzukehren. Schwer wie ein Kettenhemd liegen Schock, Trauer und Angst auf ihnen, blockieren jegliche Veränderung und machen noch Rituale der Intimität zum Kraftakt: „Wenn es ein ständiges Symptom der Krankheit in unserem Leben gab, so war es die Müdigkeit. Bei der Arbeit waren wir unermüdlich; zu Hause überforderte uns schon die kleinste lebhafte Geste.“ O’Neills Schilderung von Anzeichen und Auswirkungen dieses Betäubungsgefühls ist beklemmend. Denn nicht nur die einstige Wohnung, ganz New York wird den van den Broeks zur Falle: „Wir versuchten zu verstehen, ob wir uns – wie die europäischen Juden in den Dreißigern oder die letzten Bürger von Pompeji – in einer präapokalyptischen Situation befanden, oder ob unsere Situation lediglich apokalysennah war, wie die Bewohner von New York, London, Washington und auch Moskau zur Zeit des Kalten Krieges.“

          Rachel beschließt, mit Jake nach England zurückzugehen; Hans könne ja alle vierzehn Tage nach London fliegen, um seinen Sohn zu sehen. Die Erkenntnis, dass seine Frau nicht nur die traumatisierte Stadt, sondern auch ihn verlassen will, fällt Hans vollends. Nach ihrer Abreise, benommen vor Einsamkeit, „kam ich mir so vor, als wäre ich im Chelsea Hotel hospitalisiert“.

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