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John Dos Passos im Radio : New York, wie es quietscht und knattert

  • -Aktualisiert am

In den zwanziger Jahren endet die Chronik des Gleichzeitigen: 5`th Avenue in New York. Bild: Getty

In diesem Umspannwerk fließt alles zusammen: Leonard Koppelmann inszeniert John Dos Passos’ „Manhattan Transfer“ als stimmige Großstadtsymphonie. Ein solch großartiges Hörspiel haben wir lange nicht gehört.

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          Als Siegfried Lenz den Roman „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos vor fast vier Jahrzehnten in der „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ empfahl, feierte er diese grandiose Polyphonie einer Riesenstadt und „Vision einer Auflösung aller menschlichen Beziehungen unter dem Gesetz von Metropolis“. Tatsächlich gelingt es Dos Passos mit seiner „simultaneous chronicle“, wie er es selbst nennt, die Großstadt erstmals aus vielfältigsten Perspektiven sinnlich wahrnehmbar zu machen und unter dem Einfluss außerliterarischer Verfahren, etwa filmischer Montage oder kubistischer Collage, neu zu gestalten. Seine Vorgänger William Dean Howells in „A Hazard of New Fortunes“ (1889) oder Theodore Dreiser in „Sister Carrie“ (1900) schaffen das noch nicht. Allzu scharf trennen sie Salon und Straße, Traders und Tramps voneinander, letztlich fehlen ihnen die künstlerischen Mittel, die Stadt selbst zur Hauptfigur zu machen, ihren innersten Geist zu erschließen. Sinclair Lewis räumt schon in einer der ersten Rezensionen ein, Dos Passos glücke, was bis dahin für unmöglich gehalten wurde, „he presents the panorama, the sense, the smell, the sound, the soul, of New York“.

          Lenz’ Empfehlungen - ergänzt um Fassbinders Einladung zu „Berlin Alexanderplatz“ und Hildesheimers Lektüreauftrag zum „Ulysses“ in der gleichen Serie - erschloss zahllosen Lesern New York, Berlin und Dublin als Brennpunkte der literarischen Moderne. Nachdem die Romane von Alfred Döblin und James Joyce schon 2007 und 2012 vom Südwestrundfunk als Hörspiele produziert wurden, erfolgt jetzt mit „Manhattan Transfer“ der Abschluss dieser Metropolentrilogie. Zeitgleich erscheinen das Hörbuch und die vollständige Neuübersetzung Dirk van Gunsterens (Rowohlt Verlag), die an Stelle der seit 1959 bei Rowohlt verfügbaren Übertragung von Paul Baudisch tritt.

          Noch Fragen? Die Schauspielerin Effi Rabsilber bei den Aufnahmen zu „Manhattan Transfer“.
          Noch Fragen? Die Schauspielerin Effi Rabsilber bei den Aufnahmen zu „Manhattan Transfer“. : Bild: Jens Gyarmaty

          Vor dieser frühen Leistung, die erstmals 1927, also schon zwei Jahre nach dem Original, herauskam, zieht van Gunsteren respektvoll den Hut - nicht nur angesichts unzulänglicher Wörterbücher der zwanziger Jahre. In einem Interview mit Manfred Hess, dem Chefdramaturgen der Hörspielfassung, übergeht er aber auch nicht Baudischs altväterlichen Duktus, manche Mängel im Umgang mit Slang und Jargon oder offensichtliche Fehler wie „Planwagen“ statt „Straßenbahn“ auf dem Broadway, unter dem 1904 schon die erste Untergrundbahn rollte.

          Die Riesenmaschine knattert, pfeift und knallt

          Das jetzt erscheinende Hörspiel, das zunächst im Rundfunk ausgestrahlt wird (am 22., 26. und 29. Mai, jeweils um 18.20 bei SWR 2, im Juni nochmals im Deutschlandfunk), hält sich an van Gunsterens Wortlaut. Regisseur Leonhard Koppelmann hat daraus im Zusammenspiel mit dem Komponisten Hermann Kretzschmar eine kürzere Fassung erstellt, die vor allem die Überfülle der oft nur an einer Stelle des Romans auftretenden Protagonisten zugunsten wiederkehrender Hauptfiguren reduziert. Dadurch wird die polyphone Montage des Disparaten und Dissonanten keineswegs in Frage gestellt. Die von Dos Passos zu einer kaleidoskopartigen Riesenmaschine gefügten heterogenen Teile - etwa „a bridge, a skyscraper, or an automobile engine“, so der Verfasser - bleiben erhalten. Und das oft nur aus dem Off - knatternd, pfeifend, puffend, knallend, quietschend -, um so die Überlegenheit des akustischen Mediums über das poetische geschickt auszuspielen.

          Das Kompositionsprinzip wird nach wenigen Minuten deutlich: So hört man das Anlegen einer tutenden Fähre, das Ächzen der Seilwinden beim Herablassen der Landungsbrücke, darüber wildes Möwengeschrei; mit den Menschenmassen schiebt sich ein neuankommender Jobsucher aus der Provinz an Land, stärkt sich in einer Hafenkneipe mit Spiegeleiern, gönnt sich eine Rasur, liest den Polizeibericht in der Zeitung. Wenig später erleben wir ihn schon als Tellerwäscher. Woanders wird gerade ein Mädchen geboren, das im weiteren Verlauf zur begehrtesten Frau des Romans werden soll. Wir belauschen ihre Eltern im Umgang mit einer ruppigen Krankenschwester. Bewusstseinsstrom und Dialoge der Figuren wechseln ständig miteinander ab. Dazwischen meldet sich die Erzählerstimme, inspiziert Bauwerke, registriert Geräusche und Gerüche, beobachtet Menschen, gerät an den Schauplatz eines Hausbrandes. Unter den Schaulustigen steht plötzlich der junge Vater aus dem Krankenhaus, erst wird von außen über seine Wahrnehmungen berichtet, dann in die Innenperspektive gewechselt, der Geruch von Petroleum erregt in ihm den Verdacht der Brandstiftung.

          Was für ein Text! Der Schauspieler Max von Pufendorf spricht bei der Aufnahme von „Manhattan Transfer“ mehr als ein Wörtchen mit.
          Was für ein Text! Der Schauspieler Max von Pufendorf spricht bei der Aufnahme von „Manhattan Transfer“ mehr als ein Wörtchen mit. : Bild: Jens Gyarmaty

          So betreten in den drei Abschnitten de Hörbuchs immer mehr Protagonisten die Stadtbühne, beteiligt sind mehr als vierzig Schauspieler. Der erste Teil gilt den Jahren 1896 bis 1905 - der Aufstieg zur Metropole oder der Russisch-Japanische Krieg klingen nur an. Ähnlich übertönen in der zweiten Sektion zu den Jahren 1913 bis 1916 die Unterhaltungsindustrie und der galoppierende Kapitalismus den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im fernen Europa. 1918, im dritten Buch, kehren dann erste amerikanische Veteranen heim, mitten in den Roaring Twenties endet die Chronik des Gleichzeitigen schließlich 1924. Wie im Umsteigebahnhof Manhattan Transfer wird das Romanpersonal durch das Metropolenräderwerk gedreht.

          Alle geraten in die Abwärtsspirale

          D. H. Lawrence’ Bild eines rhythmischen Wechsels zwischen Systole und Diastole von Erfolg und Versagen ist dafür so passend wie seine Einschätzung, dass am Ende alles in den Misserfolg und letztlich ins „Nowhere“ führe. Das war 1927, gut zwei Jahre vor dem Börsencrash und dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise.

          In solche Abwärtsspiralen geraten im Roman nicht nur zwielichtige Gangster, Prohibitionsgewinnler, Hochstapler, Tänzerinnen, Landstreicher, Broadway-Impresarios, die uns in so manches schmierige Hinterzimmer führen. Auch mit den meisten Hauptfiguren geht es stetig bergab, getrieben von einer schonungslosen Maschinerie, wirken sie oft wie ruhelose Marionetten. Überall werden wir Zeugen unverbindlicher Oberflächlichkeit, von Betrügereien, dubiosen Geschäften, Ehebrüchen, Brandstiftung, sogar von einer Abtreibung. Ellen Thatcher (Maren Eggert), das zu Romanbeginn in eine Prokuristenfamilie geboren Mädchen, steigt durch eine unglückliche Ehe mit John Oglethorpe (Ulrich Noethen) ab. Sie wird Geliebte eines Alkoholikers und des skrupellosen Anwalts George Baldwin (Ulrich Matthes), heiratet schließlich Jimmy Herf (Max von Pufendorf), der uns als Journalist durch den Roman begleitet. Als auch er mit Ellen kein Glück hat, verlässt er New York. Eine Handlung soll daraus erst gar nicht entstehen, die Wege einiger Figuren kreuzen sich zwar, verlieren sich dann aber wieder im Getriebe von Metropolis.

          Die Riesenenergien kommen im Hörspiel zum Ausdruck

          Dos Passos gelingt mehr als ein bloßes Erzählexperiment. Während europäische Avantgarden gegen eigene Traditionen ankämpfen, entsteht in Amerika eine andere Kultur des Neuen, die das Gepäck ganzer Siedlergenerationen hinter sich lässt. Die ästhetischen Sinneswege öffnen sich neuen Reizen von Film, Jazz, Automobilen, Wolkenkratzern, Konsum, Werbung, Unterhaltung. „Mahattan Transfer“ gleicht einer riesigen Umspannstation, in der all diese Ströme zusammenfließen und in etwas Neues transformiert werden.

          Die dabei wirksamen Riesenenergien kommen im Hörspiel unvermindert, vielleicht sogar stärker als im Buch zum Ausdruck. Da wird gestritten, geschrien, gesungen, geheult und gebettelt, bis die städtischen Geräusche oder die kunstvoll gesetzten Klänge der Saxophone, Klarinetten, Trompeten und Trommeln alles ins Ungewisse verwehen. „How fur ye goin’?“, fragt zum Schluss der Fahrer eines Möbelwagens, mit dem Jimmy Herf die Stadt verlassen will. „I dunno... pretty far.“

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