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Zwei Jörg-Fauser-Hörbücher : Mundart der politischen Lüge

  • -Aktualisiert am

Schöpfte aus dem Rohstoff Leben: Der Schriftsteller Jörg Fauser in seiner Wohnung. Bild: privat

Das faszinierende Werk von Jörg Fauser ist wiederzuentdecken – erst recht, wenn Lars Eidinger und Charly Hübner am Mikrofon stehen. Jetzt sind „Rohstoff“ und „Das Schlangenmaul“ als Hörbücher erschienen.

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          Die Literatur wird gerade für tot erklärt, aber der junge Harry Gelb kennt nur ein Ziel: Schriftsteller werden. Er schickt seine Romane „Stamboul Blues“ und „Schmargendorf City Blues“ erst an die großen, dann an kleinere Verlage – es hagelt Absagen und falsche Versprechungen. „Rohstoff“, 1984 erschienen und zweifellos das beste Buch des vor fünfundsiebzig Jahren geborenen und 1987 von einem Lastwagen überfahrenen Schriftstellers Jörg Fauser, ist die mit trockener Komik erzählte Geschichte eines angehenden Autors, der sich in seiner Odyssee durch das Meer der Lebenslügen nicht vom Schlingerkurs auf sein Ziel abbringen lässt.

          „Rohstoff“ ist zugleich eine typensatte, scharf beobachtete und vergnügliche Revue der revolutionären Jahre um 1968. Und es ist der grundehrliche, autobiographische Entwicklungsroman eines Süchtigen: vom spindeldürren Junkie, der sich im Tophane-Viertel von Istanbul das Rohopium in die zerstochenen Venen spritzt (worüber im zentralen Kapitel ihrer Begegnung selbst William S. Burroughs den Kopf schüttelt), zum aufgeschwemmten Pilstrinker. Dass dies eine Rettung ins Maßvollere war, erscheint allerdings fraglich, wenn man bedenkt, dass Fauser alkoholisiert war, als er in der Nacht nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag auf der Autobahn nahe München totgefahren wurde. Jedenfalls steht der Wechsel der Drogen auch für einen Wechsel der Milieus, der für Fauser als Autor bedeutsam ist – von der forcierten Randständigkeit in den (in sich wiederum konformistischen) Milieus der Junkies, Revoluzzer, Hausbesetzer hin zu den Fallada-Biotopen der kleinen Leute, die Harry nicht nur am Tresen des „Schmalen Handtuchs“, sondern auch bei zahlreichen Aushilfsjobs kennenlernt, als Gepäckträger am Frankfurter Flughafen oder als Wachmann in der Universität. Und die ihm viel menschlicher und sympathischer erscheinen.

          Sanft, aber nicht sanftmütig

          Ein faszinierendes, bedeutendes, wieder zu entdeckendes Werk also – erst recht, wenn es noch zusätzlich durch die Lesung Lars Eidingers gewinnt. Eidinger ist nicht nur populär, er ist Pop. Dieser Schauspieler steht für die neue Verletzlichkeit und dafür, dass Sensibilität cool sein kann; für eine Männlichkeit mit lackierten Fingernägeln, für große blaue Augen über einem Mund, um den die zwiespältigen Seelenregungen zucken. Eidinger liest „Rohstoff“ sehr überzeugend mit einer weichen Rotzigkeit und Melancholie, die sich in einer Manier der absteigenden Satzmelodie artikuliert. Seine Stimme klingt sanft, aber nicht sanftmütig. Der Ärger, die Pleiten und Enttäuschungen, der Hohn und die Aggression – das ganze brodelnde Harry-Gelb-Gefühlschaos ist unter dem ruhigen Ton vernehmbar. Eidingers Kunst liegt in der minimalistischen Expressivität. Nie scheint er die Mundwinkel zu einem Lächeln zu verziehen – und gerade dieser Ernst legt es nahe, den ganzen Quatsch, den Harry Gelb erleben muss, verzweifelt komisch zu finden.

          „Alles ging schief“ – dieser Satz ist Programm. Mit einem Schelmenroman ist „Rohstoff“ aber nicht zu verwechseln, denn Harry Gelb ist kein gewitzter Held und Lebenskünstler, der sich aus brenzligen Situationen rettet. Sein Leidensweg führt ins Ungewisse. Zwar endet der Roman mit seiner Initiation als Autor; Harry gibt seine erste Lesung vor Publikum. Aber auch dabei macht er nur eine unglückliche Figur. Kein Wunder, es ist ein von der katholischen Kirche und der Jungen Union veranstalteter Kulturabend in Montabaur, Harrys Hemd ist durchgeschwitzt, und niemand kann etwas anfangen mit seinen Cut-up-Texten auf Burroughs’ Spuren.

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