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Achleitners Roman „flüchtig“ : Durchschlagskraft eines Tischfeuerwerks

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Hubert Achleitners Roman „flüchtig“ setzt auf Roadtrip-Charme, die Handlung aber in den Sand. Bild: Reuters

Als Hubert von Goisern, der einst den Alpenrock erfunden hat, füllt er Arenen. Wie schlägt sich der Klangforscher und Song-Poet im erzählenden Fach? Hubert Achleitners Roman „flüchtig“ setzt auf Roadtrip-Charme.

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          Zeig mir deine Platten, und ich sage dir, wer du bist: Gilt das Diktum, das einer wie Nick Hornby („Fever Pitch“) geprägt haben könnte, auch für Romane? In „flüchtig“, dem späten Erstling von Hubert Achleitner, spielt der Soundtrack keine ganz unbedeutende Rolle. Der blendend aussehende Lehramtsstudent Herwig Berger etwa, den seine Schüler abwechselnd „Wig“ oder „Don Giovanni“ nennen, lernt seine spätere Frau, die eben noch seine Schülerin war, bei den Salzburger Festspielen 1988 kennen – er ist an die Salzach gereist, um „die Gruberova“ zu erleben, die junge Bankangestellte Maria hat die begehrten Karten als Mitarbeiterin des Monats gewonnen. Trotz dieses Kulturgefälles landen die beiden recht schnell in Wigs moosgrünem Mini Cooper; unter den Klängen einer André-Heller-Kassette („Du, du, du“) ist es mit beider Unschuld bald vorbei.

          Ein Missverständnis mit Folgen: „Für Wig war es die große Liebe. Für Maria war es der beste Sex.“ Marias Abschiedsbrief an Wig, fast dreißig Jahre später, wird von Leonard Cohen und, logisch, abermals von einem gefühligen Heller begleitet: „Wie mei Herzschlag g’herst zu mir.“ Weiterhin in der Tonspur des Romans: „Weiße Rosen aus Athen“, Nina Hagen und Brian Wilson. Nicht weiter unüblich für den Babyboomer Wig, dessen Sozialisation in die optimistischen Siebziger fiel, das Jahrzehnt von John Lennon und Wolfgang Ambros.

          Wenn die Textnachweise am Ende von „flüchtig“ an die Playlist eines Mixtapes erinnern, liegt das vielleicht auch daran, dass der Autor des Romans als Musiker berühmt wurde. Da nennt sich Achleitner nach dem Ort im Traunviertel, in dem er 1952 geboren wurde: Als Hubert von Goisern, der einst den Alpenrock erfunden hat, füllt er Arenen. Wie schlägt sich der Klangforscher und Song-Poet im erzählenden Fach?

          Bitte keine Karma-Scheiße

          Große Teile des Personals in Achleitners Roman befinden sich tatsächlich in permanenter Fluchtbewegung vor der Midlife-Crisis: Maria, die mit 25 ihr mit Wig gezeugtes Baby verliert und mit Mitte fünfzig die kinderlose, bleiern gewordene Ehe verlässt. Wig, der sich zu diesem Zeitpunkt nach Versuchen mit Haschisch und Alkohol ins Bett der 33 Jahre jüngeren Geliebten Nora flüchtet – die sich ihm wiederum in Richtung ihres festen Freunds Oskar entzieht. Und dann ist da noch die notorisch mobile Tramperin Lisa, die auf Marias Selbsterfahrungstrip Richtung Griechenland Lager, Essen, esoterisch angehauchte Sinnsprüche und einmal sogar einen Mann mit ihrer neuen Freundin teilt.

          Hubert Achleitner:„flüchtig“. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2020. 304 S., geb., 23,– €.
          Hubert Achleitner:„flüchtig“. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2020. 304 S., geb., 23,– €. : Bild: Zsolnay Verlag

          Lisa ist es schließlich auch, die – einen Brief Marias an Wig im Gepäck – den Verlassenen aufsucht und der Erzählung die klassische Herausgeberfiktion mitgibt: „Dies ist die Geschichte von Eva Maria Magdalena Neuhauser“, heißt es, in einer Mischung aus „Schlafes Bruder“ und dem Vorspann zur Krimiserie „Fargo“ am Beginn aus Lisas Mund; sie gebe „die Dinge genau so wieder, wie sie geschehen oder, da, wo ich nicht dabei war, wie sie mir berichtet worden sind, das meiste von Maria selbst“.

          Im letzten Drittel des Romans wird das Fluchtmotiv allerdings restlos überstrapaziert: Wigs leiblicher Vater Lothar, Mitte achtzig, ist mit einem Leichenwagen aus einem Pflegeheim „abgängig“ und wird den Sohn nach Griechenland begleiten auf der Suche nach Maria. In Böhmen aufgewachsen, hat Lothar als Kind seine Mutter auf der Flucht verloren; in hohem Alter ist seine Frau unter ungeklärten Umständen verschwunden. Während Wig hier dunkles Fatum vermutet, kontert der Achtzigjährige erfreulich forsch und spricht dem Leser aus der Seele: „Komm mir nicht mit dieser Karma-Scheiße!“

          Ein Spin ins ungewollt Groteske

          Trotz solcher Pointen wird aus dem Roman kein Frank Schulz’sches „Ouzo-Orakel“. Dabei mangelt es Achleitner nicht an schönen Einfällen: Marias Geburt in einer winterlich feststeckenden Seilbahngondel fräst sich ins Hirn. Dass Lisa beim ersten Treffen mit Wig eine Ausgabe der „Furche“ als Erkennungszeichen vorschlägt („Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Leser dieses Blattes zur selben Stunde am selben Ort stünden, sei statistisch vernachlässigbar“), ist eine kleine, fiese Gemeinheit, die die 1945 gegründete österreichische Qualitätswochenzeitung nicht verdient hat.

          Wer hier in Zeiten der Medienkrise noch mitfühlend schmunzelt, wird im Fortgang der Lektüre mehr und mehr verzweifeln: Seitenhiebe auf die aktuelle österreichische Tagespolitik – zur Handlungszeit steht der fesche Sebastian Kurz noch vor der ersten Kanzlerkür – haben die Durchschlagskraft eines Tischfeuerwerks: „Das Grauen mit den Blauen wird wohl noch eine Weile dauern.“ Figurenkonstellationen bewegen sich auf küchenpsychologischem Level, der Roadtrip nach Griechenland reiht Klischee an Klischee – ganz so als befände man sich abwechselnd in einem Reiseführer und im Treatment einer familientauglichen Vorabendserie. Sprachliche Abstürze geben dem Ganzen einen Spin ins ungewollt Groteske: „Seine verletzte Seele wurde zu einer scharf gemachten Bombe“, heißt es da vom waidwund-verlassenen Wig. Der an anderer Stelle laut darüber räsoniert, dass früher doch irgendwie alles besser war: „Wer hätte sich vor 30 Jahren gedacht, dass selbst die Demokratie eine Achillesferse haben könnte?“ O tempora, o mores!

          Das literarische Urteil über „flüchtig“ spricht Wig, ohne es zu ahnen, selbst aus, als er einmal, mit reichlich THC in den Taschen, den Zug nach Wien verpasst: „Das geht sich nicht aus.“

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