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Holocaust-Überlebende zur FPÖ : Wie in den dreißiger Jahren

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Fühlte sich an die dreißiger Jahre erinnert: Gertrude Pressburger wendete sich vor der Wahl in Österreich im Herbst 2016 mit einem Video an junge Wähler. Bild: Youtube Screenshot F.A.Z:

Bei den österreichischen Bundespräsidentschaftswahlen setzte sie mit einem Youtube-Video ein Zeichen gegen die FPÖ. Jetzt zeigt ein Buch, wovon sie spricht, wenn sie sich an die dreißiger Jahre erinnert fühlt: die Lebensgeschichte Gertrude Pressburgers.

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          Herbst 2016: Für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten stehen zur Wahl der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen und der FPÖ-Politiker Norbert Hofer. Letzterer ist auch Burschenschafter der schlagenden Verbindung Marko-Germania, der das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands „völkischen Nationalismus“ und „Demokratieskepsis“ attestiert. Hofer kehrt im Wahlkampf das Amtsverständnis eines autoritären Präsidenten heraus. Die österreichische Verfassung gibt dem Bundespräsidenten durchaus Möglichkeiten: Er könnte die Regierung abberufen, das Parlament auflösen und per Notverordnung regieren. Und Hofer versichert, man werde sich „noch wundern, was alles möglich ist“.

          Eine neunundachtzigjährige Wienerin findet, dass sich das „so anfühlt wie in den Dreißigerjahren“, und wendet sich an das Wahlkampfteam Van der Bellens: Sie möchte als Holocaust-Überlebende den jungen Wählern eine Botschaft übermitteln. Van der Bellens Werbeagentur schickt ein Kamerateam zu ihr und nimmt ein etwa drei Minuten langes Video auf, in dem die alte Frau in weißer Bluse und blauem Strickjäckchen nicht ein einziges Mal die Namen der beiden Kontrahenten nennt, aber beklagt, dass – wie schon einmal in der Geschichte – „nicht das Anständige sondern das Niedrigste“ im Vorwahldiskurs herrsche, dass FPÖ-Chef Strache gar die Möglichkeit eines Bürgerkriegs in den Raum gestellt habe. „Für mich ist es wahrscheinlich die letzte Wahl“, sagt sie, jetzt müssten die Jungen selbst schauen, dass es ihnen weiterhin gutgeht, „das können sie nur, wenn sie vernünftig wählen“.

          Das Buch zum Video

          Das Video der „Frau Gertrude“ wird wenige Tage vor dem Wahltag in den Netzwerken 3,5 Millionen Mal angeklickt. „Entscheidet Oma Gertrude die Ösi-Wahl?“, fragt die „Bild“-Zeitung. Für die FPÖ-Ortsgruppe des Kärntner Örtchens Radenthein ist es „das wohl übelste Hetzvideo, das jemals in diesem Land von einer Partei produziert wurde“.

          Alexander Van der Bellen gewinnt die Wahl, wie viele Stimmen ihm „Frau Gertrude“ gebracht hat, lässt sich nicht feststellen. Aber bald darauf bekommt die alte Dame ihren vollen Namen, denn die junge Radio-Journalistin Marlene Groihofer besucht und porträtiert sie: Gertrude Pressburger. Für diese Sendung bekommt Groihofer drei renommierte Preise. Und jetzt liegt auch das Buch zum Video vor – natürlich nicht als Buch zum Video sondern als Buch über das Leben der 1927 in Wien Geborenen.

          Beinahe-Idylle im faschistischen Italien

          Der Vater ist Kunsttischler, die Mutter Hausfrau, beide jüdischer Abstammung, aber beide zum Katholizismus konvertiert und eifrige Kirchgänger. Auch die Kinder, Gertrude und ihre beiden jüngeren Brüder, sind getauft. Die Familie lebt in einer Souterrain-Wohnung, Wohnküche und ein Schlafzimmer für alle fünf, im Arbeiterbezirk Meidling.

          Als Siebenjährige sieht Pressburger in den Straßen Tote liegen, Opfer des kurzen Bürgerkriegs. Nach einem antisemitisch motivierten Anschlag – ein Nachbar wirft eine gusseiserne Pfanne nach der im Hof Wäsche aufhängenden Mutter – übersiedelt die Familie 1937 wieder in einen Arbeiterbezirk. Aber nicht für lange, denn bald darauf marschiert Hitler in Österreich ein, nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich wird es für Juden lebensgefährlich.

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