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Hörbücher Heinrich von Kleist : Von der fundamentalen Täuschbarkeit des Menschen

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Bild: Verlag

Randvoll mit Ereignis und Aktion: Unter den Hörbüchern zum zweihundertsten Todestag Heinrich von Kleists ragen Rolf Boysens Lesungen deutlich heraus.

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          Thomas Mann schrieb über Kleists Stil: „Ein Impetus, in eiserne, völlig unlyrische Sachlichkeit gezwungen, treibt verwickelte, verknotete, überlastete Sätze hervor, die geduldig geschmiedet und zugleich von atemlosem Tempo gejagt wirken.“ Gut gesagt, und man mag erst einmal zweifeln, ob solche Lasten-Sätze überhaupt hörbuchtauglich sind.

          Klare Antwort: Sind sie, denn diese Sätze besitzen zugleich hohe Anschaulichkeit, sind randvoll mit Ereignis und Aktion. Und die hohe Musikalität der rhythmischen Fügungen (Kleist spielte virtuos Klarinette in einem Offiziersquartett) verlangt danach, im Vortrag hörbar gemacht zu werden. Ein guter Vorleser verflüssigt die gesplitterte Kleist-Syntax, entwirrt die Verknotungen. Und plötzlich wundert man sich, wie organisch diese Sprache klingen kann. Zwei gute Vorleser, alte Haudegen des Theaters, legen zum zweihundertsten Todestag Kleist-Hörbücher vor: Otto Sander, die beliebte Reibeisenstimme, liest eine Auswahl von Anekdoten, Briefen und Aufsätzen. Von Rolf Boysen gibt es fast die komplette Prosa auf vierzehn CDs, in Liveaufnahmen aus dem bayerischen Staatsschauspiel.

          Sie weiß mehr über das Enstehen von Gewalt

          Die Anekdote „Charité-Vorfall“ ist von bezwingender Groteskkomik. Sie erzählt von einem Mann namens Beyer, der von der Kutsche eines Arztes überfahren wurde und nun in der Charité von mehreren Medizinern untersucht wird, was zu einer Kette „lächerlicher Missverständnisse“ führt, weil dieser Mann bereits dreimal in seinem Leben unter „Doktorwagen“ geraten ist. „Endlich, zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, dass ihm die linke Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht war; als aber der Geheime Rat ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier beschädigt hätte? antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor sieben Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren worden.“ Während Sander den Satz modulationsarm vorträgt, wird Boysen beinahe selbst zum malträtierten Beyer, eignet sich das Verdrehte, Verstümmelte akustisch an und lässt „Rrrrippen“ und „Rrrrücken“ zu gepressten Schmerzensworten werden. Die Unterschiede sind deutlich. Boysen verausgabt sich, Sander klingt routiniert: angenehm knurrig, preußisch-bärbeißig, aber auf Dauer doch etwas mürbe.

          Boysen wechselt den Ton mit den Stromschnellen und Stauungen des Kleist-Stils. Seine wilde, verwegene, einfach mitreißende Darbietung der „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ wird vom Publikum mit Bravo-Rufen quittiert. Expressiv performt er die wuchtig-wütigen Novellen Kleists mit ihren katastrophischen Zuspitzungen: Literatur, die mehr über das Entstehen von Gewalt weiß als viele Handbücher der Sozialpädagogik. Immer wieder geht es in Momenten größter Verunsicherung um die grundlegende Wahrheit der Gefühle. Dass auch die trügen können, wird nirgends deutlicher als in den großen Fehlentscheidungs- und Missverständnisaugenblicken. Die fundamentale Täuschbarkeit des Menschen gehört zu Kleists zentralen Themen.

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