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Hörbücher Heinrich von Kleist : Von der fundamentalen Täuschbarkeit des Menschen

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Heinrich von Kleist, Weg des Glücks
Heinrich von Kleist, Weg des Glücks : Bild: Verlag

Das einzige Stück Kleists, das bereits im neunzehnten Jahrhundert zum Erfolg wurde, ist „Das Käthchen von Heilbronn“ - ein die Jahrhunderte unbekümmert durcheinanderwürfelnder Genremix aus Märchen, Ritterdrama und Schauerroman (die künstliche Kunigunde!), ein Mittelalter-Phantasma, rührend und komisch zugleich. Es ist die Antithese zur Penthesilea: Zerreißt diese den Geliebten mit ihrer Hundemeute, so folgt Käthchen dem Grafen Wetter vom Strahl mit hündischer Ergebenheit und lässt sich auch mit der Peitsche nicht vertreiben - was dem Grafen eigentlich gefällt.

Die anfangs strenge Stimme Max Eckards wird jedenfalls immer berührter, bis der Atem regelrecht flattert vor Begierde nach dem liebreizend von Dunja Movar gespielten Käthchen-Mädchen: Durch „alle Sinne“ sei er ihr in „unsäglicher Liebe“ zugetan, schwört Wetter, er will sich „in ihre jungen Reize“ stürzen, so wie ein gequälter Hirsch im reißenden Fluss Abkühlung sucht. Dieses Hörspiel macht Vergnügen, auch wenn die Klangkulissen von 1960 heute dürftig wirken: Ein Regenschauer klingt eher nach Badezimmerbrause, und wenn geharnischte Ritter aufeinander losgehen, hört es sich wie klappernde Blechdosen an.

Es ist ein authentisches Hördokument

„Der Zerbrochne Krug“ wird oft als deftiger Schwank (miss)verstanden. Dabei ist es eine raffinierte Komödie der Sprache, voller subtiler Pointen jenseits der bloßen Bauernschläue, die man beinahe erstaunt beim Lesen des Stücks entdeckt. Dorfrichter Adam ist ein verzweifelt wortgewandter Schwindler, ein klumpfüßiger Außenseiter, der selbst Züge eines Opfers trägt. Davon ist in der Inszenierung aus dem Jahr 1961 allerdings nicht viel zu spüren. Eduard Wandrey gibt den Adam mit brachialem Bass als schmatzenden Genüssling und dumpfen Triebtäter, der unter Hallo zur Strecke gebracht wird.

Heinrich von Kleist, Die grosse Dramenbox
Heinrich von Kleist, Die grosse Dramenbox : Bild: Verlag

Das beste Hörbuch ist Boysens Prosa-Lesung. Vierzehn Abende, neunzehn Stunden: unglaublich, was der Neunzigjährige für eine Bühnenkondition hat. Kleine Lesefehler wurden nicht nachbearbeitet, Geräusper und Gehuste aus dem Publikum nicht herausgeschnitten: ein authentisches Hördokument, das durch solche kleinen Makel nicht verliert. Der Hörer bleibt amüsiert, begeistert und schließlich erschüttert zurück, wenn Boysen ganz am Ende die Abschiedsbriefe liest. An Marie von Kleist: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge der Himmel dir einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich...Stimmings bei Potsdam, Dein Heinrich - am Morgen meines Todes.“

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