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Hörbücher Heinrich von Kleist : Von der fundamentalen Täuschbarkeit des Menschen

  • -Aktualisiert am

Bei Kleist sind sie wenig gefragt

Ein Höhepunkt ist „Die Marquise von O...“, die berühmte Vergewaltigungsnovelle, bei der eine Dame der guten Gesellschaft den Vater ihres ungeborenen Kindes per Zeitungsanzeige suchen lässt. In Boysens Lesung erweist sich die Erzählung als fulminante Familienkomödie. Man entdeckt durch seine Betonungen und Emphasen viele Details, und sei es ein ungewöhnliches Verb: „Eben hörte sie jemanden von weitem heranschluchzen.“ Es ist der Vater der Marquise, der alte Kommandant, der kürzlich noch hinter seiner „unehrenhaften“ Tochter hergeschossen hat. Nun rückt er zur Versöhnung an. „Der Kommandant heulte, dass die Wände erschallten.“ Boysen kostet die komische Melodramatik aus.

Von Ulrich Matthes gibt es eine ungekürzte Lesung des „Michael Kohlhaas“. Natürlich liefert Matthes gewohnt gute Arbeit ab, aber er erscheint fast ein bisschen zu dezent, um Sätzen wie diesem angemessen Ausdruck zu verleihen: „Es drängte ihn, den nichtswürdigen Dickwanst in den Kot zu werfen und den Fuß auf sein kupfernes Antlitz zu setzen.“ Die subtile Ironie, die feinen maliziösen Untertöne, die Tonfälle der Verfremdung und der Melancholie, die Matthes bei Texten von Kafka, Tschechow oder Nabokov so gut einzusetzen weiß - bei Kleist, der schließlich keine subtilen Intellektuellen und Ästheten dargestellt hat, sind sie wenig gefragt.

Ulrich Matthes liest Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“
Ulrich Matthes liest Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ : Bild: Verlag

Hier geht es um emotionalen Extremismus: um Kränkung, Zorn, Jammer und Schrecken, um „entsetzliches Gelächter“, „verbissenen Ingrimm“, „knirschende Wut“. Wenn Kohlhaas „Schimpfreden niederschluckt“, wenn er seinem „zerprügelten“ Knecht Herse schwört: „Dir soll Gerechtigkeit widerfahren!“, wenn er nach dem Begräbnis seiner Frau zum „Geschäft der Rache übergeht“, dann macht Rolf Boysen die brodelnden Emotionen nachfühlbarer. Hier regiert das pathetische Gefühl, das durch die „Kruste der Konvenienz“ bricht. Wer Boysens „Michael Kohlhaas“ hört, wird in der Identifikation mit dem rechtschaffen-fürchterlichen Rosshändler einen irritierenden Vergeltungswunsch aufkeimen spüren. Auch das kann gute Literatur: uns mit fremden, unerwünschten, unheimlichen Gefühlen vertraut machen.

Sie lässt sich auch nicht mit der Peitsche vertreiben

Am unheimlichsten ist die Leidenschaft der Penthesilea. Das Drama des Geschlechterkriegs, das erst im Zeichen von Nietzsches Philosophie des Dionysischen plausibel wurde, war mit seiner kannibalistischen Zuspitzung ein wuchtiger Schlag ins Gesicht der Weimarer Winckelmann-Klassik. Am Ende einer tragischen Verkettung der Missverständnisse frisst Penthesilea den Achill buchstäblich vor Liebe auf. Was bei der Lektüre schaudern lässt, sieht auf der Bühne eher komisch aus, und auch im Hörspiel von 1955, jetzt in einer Edition mit vier weiteren Kleist-Dramen wiederveröffentlicht, überzeugt es nicht. Wenn die Amazone, gespielt von Maria Becker, in tremolierendem Jubel übers Schlachtfeld kreischt: „Der junge Nereidensohn ist mein!“, möchte man sich dem Kommentar der Prothoe anschließen: „O meine teure Königin, mäßige dich!“ Auch der göttliche Achill ist nur schwer zu ertragen mit seiner heldischen Sonorität - Will Quadfliegs Hochkulturgebrumm. Die ungeheuerliche Verwirrung der Gefühle fällt dem gestelzten Rezitationsblech zum Opfer. Überzeugender ist die Hörspielfassung des „Amphitryon“. Zwar nervt auch hier streckenweise das Jamben-Geschmetter der fünfziger Jahre, aber das frivole, von Jupiter höchstselbst angerichtete Doppelgängerspiel im Haus des thebanischen Feldherrn ist so gewitzt und geistreich, dass es auch in dieser Form Spaß macht.

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