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Orwell-Hörbücher : Unser einziger wirklicher Feind

  • -Aktualisiert am

John Hurt als Winston Smith in der Verfilmung von George Orwells Roman 1984“ Bild: mauritius images / TopFoto

Von beunruhigender Aktualität: In den Romanen „1984“ und „Farm der Tiere“ von George Orwell, neu eingelesen von Christoph Maria Herbst, finden sich ganz neue Töne.

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          Das hat es noch nie gegeben: gleich ein halbes Dutzend Neuübersetzungen – und zwei Hörbuchfassungen – auf einen Schlag. Der Schlag besteht darin, dass die deutschen Rechte an „1984“ frei geworden sind. Dass die Verlage sich aber derart auf die Gelegenheit stürzen, macht nur ein weiteres Mal deutlich, dass Orwells Roman als Buch der Stunde empfunden wird. Damit hätte noch vor zwei Jahrzehnten niemand gerechnet, denn Orwell wurde zu „1984“ durch die Erfahrung des Stalinismus inspiriert, und die grauen Diktaturen des Realsozialismus waren längst im Orkus der Geschichte verschwunden.

          Huxleys „Schöne neue Welt“ schien im Wettstreit der Dystopien inzwischen die Nase vorn zu haben. Michel Houellebecq fand bei Huxley die treffsichere Darstellung der Tendenzen der Gegenwart: eine fürsorgliche biotechnologische Diktatur, in der Not, Krankheit und Alter abgeschafft sind und es ein Grundeinkommen an Lebenslust und Sex gibt sowie für gelegentliche Stimmungseinbrüche die Glücksdroge Soma. Dagegen erschien Orwells grausamer Überwachungsstaat als Schreckensvision von gestern.

          Auch heute zieht „1984“ Hörer in Bann

          Dass „1984“ nun von neuem Millionen Leser in den Bann zieht, hat damit zu tun, dass die Wirklichkeit wieder bei diesem Roman angedockt hat. Die rasant gewachsenen Möglichkeiten der digitalen Überwachung und des „Social Scoring“ sind ein Grund dafür; ein weiterer der Einzug der „alternativen Fakten“ in die (nicht nur) amerikanische Politik. Die Vergangenheit nach aktuellem Bedarf immer neu zu überschreiben – das ist die Aufgabe des Wahrheitsministeriums im Roman. Gegen dessen fugendichte Umarbeitung der Wirklichkeit bleiben Trumps alternative Wahrheiten zwar eine Farce, weil sie ihn in weiten Teilen der Medien und der Bevölkerung unglaubwürdig, ja lächerlich gemacht haben.

          Auf jeden Fall aber scheint die Wirklichkeit auf Orwells Spuren. Und sie hört gar nicht mehr auf, Orwell’sche Konzepte upzudaten. Die identitätspolitische Linke verschiebt die sprachlichen Schmerzgrenzen und arbeitet an einer eigenen Form des „NeuSprech“. Bei der Cancel Culture denkt man an Orwells „GedankenVerbrechen“ und an den „DenkStopp“, den sich der „GutDenker“ selbst verordnet, um seiner „proaktiven, korrekten Einstellung“ Genüge zu tun. Tatsächlich ist es weniger die Handlung des Romans, es sind seine suggestiven Schlagworte, die heute verblüffend wirken. Wer würde beim rituellen „Zwei-Minuten-Hass“ nicht an Twitter-Mobs und Shitstorm-Attacken denken? Und wenn im Roman die Arbeitslager „JoyCamp“ heißen, dann ist die ewige Versuchung der Politik, unerfreulichen Wirklichkeiten euphemistische Etiketten aufzupappen, auf den Punkt gebracht.

          Trümmerstaubgeschmack und bohrende Intensität

          Die Ruinenlandschaften des Zweiten Weltkriegs verleihen „1984“ den Trümmerstaubgeschmack. Auch die Raketen, die regelmäßig in London einschlagen (und von denen manche vermuten, dass sie von der Partei selbst abgefeuert werden, um den ideologisch notwendigen Kriegszustand zu bekräftigen), fliegen aus der historischen Realität herüber, in der gerade noch Wernher von Brauns Wunderwaffen die Londoner terrorisierten; im Juni 1944 wurde Orwells eigene Londoner Wohnung von einer V1 zerstört. „1984“ ist ein grauer Roman ohne belletristische Schnörkel. Er gibt sich streckenweise wie eine Reportage. Andere Partien nähern sich einem fiktiven Sachbuch, das die Mechanismen der totalitären Welt analysiert. Christoph Maria Herbsts kühler, sachlicher, manchmal fast schneidend scharfer Ton vermittelt Orwells Welt auf die angemessenste Weise.

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