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Hörbuch : Krankheit ist eine Kränkung

  • -Aktualisiert am

Sie weiß um die schwierige Balance zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit: Gabriele von Arnim. Bild: Ralf Hiemisch

Zehn Jahre lang hat die Literaturkritikerin Gabriele von Arnim ihren Mann gepflegt. Ihr Bericht geht unter die Haut.

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          Dies ist ein sehr berührendes Hörbuch. Die Literaturkritikerin Gabriele von Arnim erzählt davon, wie ihr Ehemann – der prominente, im Jahre 2014 verstorbene Fernsehjournalist Martin Schulze – an dem Tag, an dem sie ihm die Trennung verkündet, den ersten von zwei schweren Schlaganfällen erleidet und für die letzten zehn Jahre seines Lebens zum Pflegefall wird, gelähmt und kaum noch fähig zu sprechen, aber geistig noch völlig klar. Von Trennung ist nun keine Rede mehr. Sofort ist wieder das Gefühl der Verbundenheit da. „Je größer die Gefahr, desto mehr will sie, dass er lebt. Desto weniger kann sie sich vorstellen, ihn zu verlieren.“

          Zu den Schlaganfällen kommen Lungenentzündungen, Embolien, ein wochenlanges Koma, ein Luftröhrenschnitt, Herzrhythmusstörungen, eine Gaumenlähmung, ein schwerer Dekubitus, eine beinahe tödliche Sepsis nach einem „Krankenhauskeim“, eine Patientenverwechslung und andere beklemmende Erlebnisse aus dem Medizin- und Pflegebetrieb. Dabei musste ein wohlhabender und bestens versicherter ARD-Journalist zumindest die finanziellen Nöte, mit denen viele andere Familien zusätzlich zum Krankheitselend konfrontiert werden, nicht kennenlernen.

          Freundliches Pflegepersonal kann bezahlt werden, und die vorzügliche soziale Einbettung federt einiges ab. Weil der Gelähmte kaum noch hinaus in die Welt kann, wird die Welt zu Gast gebeten, auch wenn der Kranke kaum noch aktiv am Gespräch teilzunehmen vermag. Ein Locked-in-Schicksal, das einem Menschen, der es gewohnt war, Diskussionen zu bestimmen, schwer zu schaffen macht. Krankheit ist eine Kränkung.

          „Denn Liebe muss sein“

          Ihr eigenes Verhalten umgibt die 1946 geborene Gabriele von Arnim nicht mit einem Schimmer selbstloser Aufopferung. Sie will keine „Kümmerfrau“ sein, die darüber selbst verkümmert. Und sie weiß um die schwierige Balance zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit. Immer wieder stellt sie sich in Frage, auch wenn sie die heikelste aller Fragen nicht beantworten kann und will: War ihr eigenes Verhalten ein Auslöser des ersten Schlaganfalls?

          Psychosomatik ist ein Abgrund, in dem man sich verlieren kann. Zwischenzeitlich erkrankt sie selbst an Krebs. Auch davon spricht sie, und sie schildert die gemischten Gefühle, mit denen gerade die Pflege nahestehender Menschen verbunden ist. „Die aus den Mundwinkeln rinnende Spucke fand ich oft unappetitlich. Als er wieder ein bisschen selber essen konnte und sich ständig bekleckerte, habe ich auch gereizt reagiert.“ Sie verhehlt auch nicht ihr „unwilliges Ächzen“, wenn er wieder und wieder nach der Pinkelflasche oder der Bettpfanne ruft. Die Stimme, mit der er es tut, hat sich stark verändert. Verschwunden ist der „sonore Kammerton, in den ich mich einst verliebt hatte, dieses tiefe, rau-erotisch lockende Timbre“. Jetzt ist da nur noch ein „krächzendes Gewürge“. Trotzdem hört es sich gut an, wenn er ihr täglich versichert, dass er sie liebe. Sie erwidert diese Liebe entschlossen. „Denn Liebe muss sein“, hat sie in ihrem Tagebuch notiert. Nur so lässt sich die „Drachensaat der Zumutungen“ ertragen. „Liebend zu pflegen fällt leichter als den Dienst mit leerem Herzen zu absolvieren.“ Staunend hört man diese Sätze. Liebe ist offenbar nicht einfach nur unverfügbar da oder nicht da; sie lässt sich mit gutem Willen erzeugen.

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