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Sophie Rois liest Alina Bronsky : Natürlich ist die Großmutter nur vordergründig rassistisch

Bild: Julia Zimmermann

Irgendwann fragt man sich, ob man es hier nicht mit einem einzigen Klischee zu tun hat: Alina Bronskys neuer Roman „Der Zopf meiner Großmutter“, mit unverkennbar kratziger Stimme gelesen von Sophie Rois.

          Erste Sätze schreiben, das kann Alina Bronsky. Es sind Sätze, die nach einer Geschichte klingen, der man sich nicht so leicht entziehen kann, deren Widerspruch Spannung aufbaut und die einen bei der Stange halten. Das 2008 erschienene Debüt der Berliner Bestsellerautorin, „Scherbenpark“, beginnt mit den Worten: „Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat.“ Dass einer dieser Träume ein Mord ist, macht die Sache nur noch besser.

          Jetzt hat Alina Bronsky mit „Der Zopf meiner Großmutter“ ihren achten Roman veröffentlicht. Die Schauspielerin Sophie Rois liest den ersten Satz mit ihrer tiefen, unverkennbar kratzigen Stimme: „Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Großvater sich verliebte.“ Und weiter: „Sein neues, zartes Geheimnis überrollte mich mit einer Welle der Bewunderung, in die sich Schadenfreude mischte.“

          Hier erzählt zwar ein Kind, das anfangs kaum sechs Jahre alte Mäxchen, aber die eigentliche Protagonistin ist, wie so oft bei Bronsky, eine gemeine, kontrollsüchtige und dieses Mal auch neurotische Großmutter. Sie ist mit ihrem Mann Tschingis und ihrem kleinen Enkel aus der zerfallenden Sowjetunion in ein hessisches Kaff geflohen und hält die Menschen um sich herum wahlweise für „Idioten“ (Mäxchen und ihren Ehemann), „Tierquäler“ (die deutschen Lehrer) und „Quacksalber“ (die deutschen Ärzte). Nur ihre russische Nachbarin Nina findet sie reizend, und damit ist die Handlung des Romans festgelegt, denn Nina ist es, in die sich der Großvater verliebt.

          Weil Bronsky erzählen kann und es mit ihren ersten Sätzen bestimmt fertigbringen würde, sogar eine Allianz-Hauptversammlung interessant erscheinen zu lassen, kann man dem Roman besonders im ersten Teil gut zuhören. Sophie Rois liest mit trockenem Humor und der nötigen Dramatik, auch wenn sie mit ihrer rauhen, etwas keifenden Stimme viel eher die Großmutter als Mäxchen verkörpert.

          Im ersten Teil sind die ewig gleichen Schimpfereien der Oma auf ihre Mitmenschen und ihr eigenes Schicksal noch nicht so vorhersehbar und die lapidar geschriebenen Pointen noch nicht so abgenutzt, da schmunzelt man noch über Passagen wie die, wenn die Großmutter sagt: „Glotz dir nicht die Glupscher aus dem Kopf, du wirst nie eine abkriegen“, und Mäxchen erzählt: „Aus stummem Protest gegen diese Prophezeiung verliebte ich mich anschließend in eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Mir gefiel bloß ihr Name auf einem Plakat.“

          Am Anfang fließt auch die Handlung um den sich langsam von seiner Großmutter emanzipierenden Maxim und den Großvater, der Nina von Tag zu Tag länger bei Renovierungsarbeiten zur Hand geht, noch so flüssig dahin, dass man Bronskys schnörkellosen Schreibstil bewundern und sich über ihre Personenbeschreibungen freuen kann: „Das Klavier war alt. Die vergilbten Tasten erinnerten mich an die Zähne meiner Großmutter.“ Bronsky mag auf fast alle Fremdwörter, die das Deutsche bereithält, verzichten, aber sie lässt die Großmutter so treffende Verben – „die Oma hat die ganze Nacht gebuckelt“ – sagen, dass deren latente Faulheit sofort durchscheint.

          Aber irgendwann beschleicht einen doch das Gefühl, hier an ein Jugendbuch geraten zu sein, das die Komplexität eines traumatisierten, von Auswanderung und politischen Umstürzen geprägten Charakters auf eine von Klischees vollgestopfte scherenschnittartige Großmutter reduziert, die natürlich nur vordergründig rassistisch ist.

          Ein Buch über die Frage zu schreiben, wo Familie anfängt und aufhört, ist sicher keine schlechte Idee. Und „Der Zopf meiner Großmutter“ entfernt sich dank des Großvaters in ein paar überraschenden Wendungen auch wieder vom Schablonenhaften. Trotzdem, man vermisst vieles, und so absurd starke Momente wie in „Scherbenpark“ sind hier nicht zu entdecken.

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