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Hochstapler-Thriller „Blut will reden“ : Er war Gatsby, der Ripper

Christian Gerhartsreiter gab es mehr als nur einmal. Seit Anfang der Achtziger schwindelte der Bayer sich in immer höhere Sphären. Bild: PictureAlliance, Polaris/Studio X, Getty

Die irrste Hochstaplergeschichte der Welt: Ein junger Bayer zieht nach Amerika, wird ein Rockefeller und ein Mörder. Jetzt hat der Schriftsteller Walter Kirn den Fall aufgeschrieben.

          7 Min.

          Er nennt ihn immer noch Clark. Das ist ja auch der Name, unter dem Walter Kirn seinen Freund kennengelernt hat: Clark Rockefeller. Wohnhaft in Boston. Verheiratet, Vater einer Tochter. Mitglied einer amerikanischen Familie, die in einem Land, das keine Aristokratie besitzt, ungefähr das ist, was in Europa mal die Bourbonen oder Hohenzollern waren: das Superestablishment. Der allerkleinste Kreis. Wo die Nennung des Namens reicht, damit sich alle Türen öffnen, und dahinter geht es nur nach oben.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber der Mann, den der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn bis heute Clark nennt, hieß niemals so. Und auch nicht Chip Smith. Oder Christopher Crowe. Oder Christopher Chichester der Dreizehnte. Er hieß genauso wenig Chris Kenneth Gerhart oder Christopher Gerharts Reiter.

          Der Mann, der sich all diese Namen gegeben hat und schließlich als Clark Rockefeller berühmt wurde, heißt eigentlich Christian Karl Gerhartsreiter, geboren im oberbayerischen Siegsdorf, vor dreiundfünfzig Jahren. Heute sitzt er im Gefängnis von Los Angeles ein, lebenslänglich, weil er den Sohn seiner einstigen Vermieterin ermordet haben soll. Die ihn als Chris Chichester kannte, Filmstudent an der Universität von Southern California, damals, in den achtziger Jahren.

          Er nennt ihn immer noch Clark

          Walter Kirn nennt ihn aber immer noch Clark. Zum einen, erklärt er, weil er ihn nun mal unter diesem Namen und in dieser Ausformung kennengelernt hat - und dann, weil er bezweifelt, dass von einem „Christian“ aus Oberbayern noch irgendetwas übrig sei.

          Kirn hat die Geschichte seines Freundes jetzt aufgeschrieben, in einem spektakulären Buch, das „Blut will reden“ heißt und morgen auf Deutsch erscheint. Und das zu den Unwahrscheinlichkeiten, die offenbar unweigerlich zu so einer Hochstaplerkarriere gehören, eine weitere hinzufügt: dass dieser Hochstapler sich nämlich auch noch anfreundete mit einem jungen Autor aus Montana, der dann selbst berühmt wurde, spätestens, als einer seiner Romane mit George Clooney in der Hauptrolle verfilmt wurde - „Up in the Air“, 2009 mehrfach für den Oscar nominiert.

          Die Geschichte des Christian Gerhartsreiter ist schon in anderen Büchern rekonstruiert (und sogar verfilmt) worden, von Reportern, die den Weg des jungen Bayern nachzeichneten: wie er 1978 als Austauschschüler seinen Heimatort Bergen Richtung Connecticut verließ und sich dann in immer neuen Formen nach oben schwindelte. Wie er als Filmstudent in Los Angeles behauptete, er produziere die Neuauflage der Fernsehkrimiserie „Alfred Hitchcock presents“. Und dass er der Bruder des Popjournalisten und Regisseurs Cameron Crowe sei.

          Von der Wall Street zum Rockefeller

          Und wie er dann im exklusiven Greenwich in Connecticut auftauchte, wo die Börsentypen von Manhattan leben, und bald von diesen Typen Jobs an der Wall Street bekam, wo Christopher Crowe ganze Abteilungen leitet, ohne einen Abschluss, aber mit beeindruckendem Monogramm auf seinem Burberrymantel. Als er bei Nikko Securities rausfliegt, weil er gar nicht Crowe heißt, erzählt er seiner damaligen Freundin, er heiße in Wirklichkeit Mountbatten und sei ein britischer Adliger, der inkognito leben müsse.

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