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Falladas „Der eiserne Gustav“ : Lebensecht und darum unbequem

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Das Original: der „eiserne“ Gustav Hartmann auf der Abschiedsfahrt von Berlin nach Paris bei der Ankunft mit seiner Pferdedroschke in der französischen Hauptstadt. Bild: Picture-Alliance

Hans Falladas war ein Menschenkenner und Menschenversteher ersten Ranges. Das zeigt sein Roman „Der eiserne Gustav“ von 1938, der jetzt in einer neuen, historisch korrekten Edition erschienen ist.

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          Nachdem Joseph Goebbels 1937 den neuen Roman „Wolf unter Wölfen“ von Hans Fallada gelesen hatte, notierte er im Tagebuch: „Ein tolles Buch . . . Der Junge kann was.“ Auf das nächste Projekt des Schriftstellers, der gegen Ende der Weimarer Republik zum Bestsellerautor geworden war, richteten sich dementsprechend große Erwartungen. Fallada sah es mit Beklommenheit: „In die Sonne Goebbelscher Gunst zu kommen – das schien mir ein Ikarus-Schicksal.“

          Dieses neue Projekt, „Der eiserne Gustav“, sollte zunächst ein Film werden, eine Paraderolle für den gefeierten Schauspieler Emil Jannings. Allerdings sah sich Fallada außerstande, ein Exposé zu verfassen: „Ich kann nur erfinden, wenn ich schildern, wenn ich in die Breite gehen darf.“ Deshalb schrieb er einen umfangreichen Roman, den die Filmleute dann zum Drehbuch eindampfen sollten. Der Film mit Jannings wurde jedoch nie gedreht, obwohl Goebbels selbst noch Korrekturen von Fallada erzwungen hatte: einen Schluss, der auf eine Bekehrung der Hauptfiguren zum Nationalsozialismus hinauslief.

          Die DDR kappte den „Nazi-Schwanz“

          So erschien „Der eiserne Gustav“ 1938. Bereits in seinem Gefängnistagebuch von 1944 hat Fallada seinen Verdruss über den „nationalsozialistischen Schwanz“ des Romans bekundet. Er wünschte sich eine Ausgabe ohne dieses Finale, zu der es zu seinen Lebzeiten – er starb 1947 – nicht mehr kam. Erst 1962 wurde der Roman in der DDR in neuer Form publiziert, nun ohne den „Nazi-Schwanz“, allerdings wiederum mit ideologischen Beschädigungen. Der Herausgeber Günter Caspar kürzte auch zahlreiche weitere Passagen, die damals nicht mehr ins sozialistische Geschichtsbild passten.

          Erst jetzt, im Zuge der internationalen Wiederentdeckung Falladas, ist der „Eiserne Gustav“, so verspricht es der Verlag, „erstmals in der Originalfassung“ zu lesen. Kein Zweifel: Die komplizierte Editionsgeschichte ist so spannend wie der Roman selbst, dessen rührselige Rühmann-Verfilmung aus dem Jahr 1958 lediglich auf fünfzig von knapp achthundert Seiten basierte. Bei der staunenden Lektüre erweist sich der Roman als großformatiges Krisenpanorama der Jahre zwischen 1914 und 1928.

          Ein formidabler Trotzkopf auf dem Kutschbock

          Der Berliner Fuhrunternehmer Gustav Hackendahl ist ein Modernisierungsverlierer, doch in zehn Jahren werde niemand mehr von den „Benzinstinkern“ reden, prophezeit der überzeugte Droschkenkutscher. Einerseits ist er mit seinem autoritären Charakter und seiner Vorliebe für militärische Strenge ein Geistesverwandter von Heinrich Manns Diederich Heßling aus „Der Untertan“. Seine Kaisertreue führt ihn allerdings nicht herrlichen Zeiten entgegen, sondern in den Beinahe-Bankrott, weil er nach dem Kriegsausbruch seine dreißig Pferde weit unter Anschaffungspreis ans Militär verkaufen muss und später sein Vermögen in Kriegsanleihen verliert.

          Auf der anderen Seite ist Hackendahl eine viel sympathischere Gestalt als der unleidliche Opportunist Heßling. Anfangs mag er noch als Familienschreck erscheinen, der seinen Lieblingssohn Erich, nachdem der ihn bestohlen und eine Neigung zu teurer Vergnügungssucht offenbart hat, in einen Kellerverschlag sperrt. Später, je mehr ihm die Felle wegschwimmen, erweist er sich als formidabler Trotzkopf.

          Doch der alte Hackendahl gibt sich weiter eisern, auch wenn dieses Eisen inzwischen ziemlich durchgerostet wirkt. Während der stolze Fuhrunternehmer sich 1914 noch um ein „frisiertes“ Hochdeutsch bemühte, steigert sich der verarmte Droschkenkutscher der Nachkriegszeit immer mehr in seine chronisch beleidigt wirkende Berliner Mundart hinein, obwohl er doch ursprünglich ein Zugezogener aus Pasewalk ist: „Mit dem Balinern, det passt eben besser zu meine jeminderte Lebensumstände.“ Er stilisiert sich selbst zum Ur-Berliner Original, als das er schließlich auch seine legendäre Droschkenfahrt nach Paris unternimmt, bei der er von Hunderttausenden in den Städten unterwegs gefeiert wird. Die Fäden bei diesem Unternehmen zieht eine Boulevardzeitung, die das Ereignis, über das sie berichtet, selbst inszeniert – ein selbstreferentielles Medienspektakel.

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