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Geschichte der Anthroposophie : Höhere Mächte befahlen: 1914 schwarz malen!

Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophischen Gesellschaft, übte öffentliche Kritik am Spiritismus. Bild: picture-alliance / dpa

Fast zweitausend Seiten über die Anthroposophie: Helmut Zander legt ein Grundlagenwerk der Kulturgeschichte vor. Von der Bildungsreligion kann endlich nicht-metaphorisch gesprochen werden.

          5 Min.

          Man konnte den Ersten Weltkrieg die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts nennen, weil die Zeitgenossen sich auf die Suche nach tieferen Ursachen verwiesen sahen. Dumme Zufälle und staatshandwerkliche Fehler reichten, so schien es, zur Erklärung eines so gewaltigen Ereignisses nicht aus, wollten vielmehr in ihrer Kumulation ihrerseits erklärt werden.

          Patrick Bahners
          (pba.), Feuilleton

          Unter den Prämissen eines idealistischen Geschichtsbildes, das die Kulturkritik mit dem Selbstverständnis der Führungsschichten und zumal der politischen Akteure verband, war es höchst suggestiv, vom Scheitern der Strategen auf eine geistige Krise der alten Ordnung zurückzuschließen. Ein frühes Dokument dieser Sichtweise ist eine Mitteilung eines Hauptakteurs des Jahres 1914, des deutschen Generalstabschefs Helmuth von Moltke.

          Ein Geist berichtet aus dem Jenseits

          „1914 waren wir ganz götterverlassen. Wir überließen uns dem Treiben von Geistern, von denen der eine dahin, der andere dorthin zog. Ganz Europa war diesem Treiben unterworfen.“ Die Feinde sah Moltke also im Bann derselben Fremdbestimmung wie die Deutschen. Der apologetische Sinn dieses Prinzips Verantwortungslosigkeit liegt auf der Hand. Das Fazit des Generals war fatalistisch: „Man konnte nichts anderes machen als das, was geschehen ist.“ Die Aufzeichnung datiert aus dem Jahre 1923. Moltke war damals seit sieben Jahren tot, die Mitteilung „aus dem nachtodlichen Leben“ erreichte seine Witwe genauso wie etwa fünfzig weitere Botschaften auf dem Weg über Rudolf Steiner, den Gründer der Anthroposophischen Gesellschaft.

          Eliza Gräfin Moltke hatte Steiner schon 1904 und 1905 zu Séancen hinzugezogen, auf denen ein Geist namens Uriel aus dem Jenseits berichtete. Als Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft Steiner im Krieg um Stellungnahmen zum Spiritismus baten, ließ er sich ablehnend vernehmen. Eine „materialistische Art“ des „Sehnens nach der geistigen Welt“ wollte Steiner in Moltkes Todesjahr in dem Buch „Raymond or Life and Death“ erkennen, in dem der englische Experimentalphysiker Oliver Lodge Kundgaben seines gefallenen Sohnes als „examples of the evidence for survival of memory and affection after death“ präsentierte.

          Geisteswissenschaft als Geheimwissenschaft

          Diese spiritismuskritische Position vertrat Steiner bis zu seinem eigenen Tod; die letzte Mitteilung Moltkes gab er 1924, in seinem letzten Lebensjahr, weiter. Dass Steiner vor der Geisterbeschwörung warnte und gleichzeitig als spiritistisches Medium tätig war, hat Bedeutung für zwei große Themen von Helmut Zanders umfassender kulturhistorischer Untersuchung der Genese der Anthroposophie: für Steiners Bewirtschaftung des Arkanwissens und für das Verhältnis seiner Lehre zu den Naturwissenschaften.

          Die „Geisteswissenschaft“, die Steiner in seinen Vorträgen und Büchern entfaltete, wird im Titel eines ihrer Grundlagenwerke als „Geheimwissenschaft“ ausgewiesen. Das von der Anthroposophie in Aussicht gestellte höhere Wissen erschließt sich auf dem Weg der Initiation. Obwohl der Zugang ein individueller sein soll und in dieser Anknüpfung an die Individualisierung, die in anthroposophischen Lehrstücken zur kosmologischen Urtatsache stilisiert wird, der Schlüssel zur anhaltenden Attraktivität der Anthroposophie für bildungsbürgerliche Milieus liegen dürfte, überließ Steiner die Wahrheitsfindung nicht der Selbsteinweihung und Selbsteinweisung der Adepten.

          Steiner sorgt für die Neugründung der Esoterischen Schule

          Die Unterweisung erfolgte mündlich und nicht ausschließlich geistig beziehungsweise intellektuell, sondern schloss rituelle Elemente ein, darunter freimaurerische Riten. Als Vorsitzender der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft war Steiner Landesleiter der von Annie Besant gegründeten Esoterischen Schule, die für die innertheosophische Elite reserviert war. Die Trennung der Schule Steiners von Besants Schule 1907 nahm die Spaltung der Theosophischen Gesellschaft fünf Jahre später vorweg. Als Steiner 1923 förmlich die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft übernommen hatte, setzte er die Neugründung der Esoterischen Schule ins Werk.

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