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Westphal liest „Verzweiflung“ : Ein miserabler Mörder, der exquisite Prosa schreibt

  • -Aktualisiert am

Gert Westphal bringt die schräge Theatralik von „Verzweiflung“ furios zur Geltung und folgt dem Ich-Erzähler in alle Schattierungen seines dunklen Ichs. Bild: Picture-Alliance

Versicherungsbetrug und Selbstüberschätzung: Der quecksilbrige Stil von Nabokovs Erzähler Hermann ist die ideale Vorlage für einen Sprecher, der sich auf die Nuance versteht. Für einen Sprecher wie Gert Westphal.

          Fischer-Dieskau des Wortes, Caruso des Hörbuchs, König der Vorleser – der im Jahr 2002 verstorbene Gert Westphal gehörte lange zu den meistgepriesenen Größen der akustischen Literaturvermittlung. Berühmt sind insbesondere seine Lesungen Fontanes und Thomas Manns, aber gerade die gehören nicht zu seinen allerbesten. Sie wirken heute ein wenig zu onkelhaft im Ton, geben zu viel Gemüthaftigkeit in die Texte.

          Westphal konnte aber auch ganz anders. Das zeigt zum Beispiel seine bemerkenswert kühle Lesart von Flauberts „Madame Bovary“; das zeigt vor allem seine Performance – Lesung wäre ein zu schwaches Wort – von Vladimir Nabokovs Roman „Verzweiflung“ in einer ungekürzten Aufnahme des Rias Berlin aus dem Jahr 1974. „Verzweiflung“ gehört nicht zu Vladimir Nabokovs bekanntesten Werken, ist eher ein Geheimtipp – ein Roman, den Schriftsteller schätzen und den Wolfgang Herrndorf einmal als eines seiner Lieblingsbücher bezeichnet hat.

          Worum geht es? Hauptfigur und Ich-Erzähler der Kriminalgroteske ist der Berliner Schokoladenfabrikant Hermann Karlowitsch. Auf einer Geschäftsreise nach Prag erkennt er im Landstreicher Felix seinen perfekten Doppelgänger. Was macht man mit so einem Doppelgänger? Richtig, man bringt ihn um, damit man als vermeintlich Toter mit Hilfe der eigenen vermeintlichen Witwe die zuvor abgeschlossene Lebensversicherung einstreichen kann. So der Plan, so der Plot. Der bei diesem Autor natürlich nur Nebensache ist.

          Ein Schönheitsfehler ruiniert das Meisterwerk

          Immer wieder hat Nabokov Exzentriker zu Ich-Erzählern seiner Romane gemacht, Figuren, die wie der feinsinnige Pädophile Humbert Humbert in „Lolita“ am Rand des Nervenzusammenbruchs agieren und sich gerade deshalb übermäßig selbstbewusst geben. Sie verfassen Bekenntnisse von auftrumpfender sprachlicher Brillanz, in denen sie ihre suspekten Passionen beichten. Hermann Karlowitsch ist ein früher Verwandter Humberts, ein Prototyp.

          Geschrieben hat Vladimir Nabokov „Verzweiflung“ im Jahr 1932 im Berliner Exil. Der Zeithintergrund schimmert durch, das Massenelend und die Arbeitslosigkeit, aber auch moderne urbane Freuden wie Automobil-Ausflüge und Kinobesuche. Hermann lockt den arbeitslosen Felix mit dem Versprechen leicht verdienten Geldes nach Berlin: Er wolle ihn als Double engagieren. So nimmt das Verhängnis seinen Lauf, in einem dunklen Wald an einem See. Ein kleiner Schönheitsfehler ruiniert allerdings Hermanns kriminelles Meisterwerk: Der „Doppelgänger“ sieht seinem Mörder bloß so ähnlich wie ein Mensch dem anderen. Die Welt ist nicht so, wie Hermann sie in seiner prahlerischen Selbstherrlichkeit wahrnimmt. Bald ist ihm die Polizei auf den Fersen.

          Raffinierte Parodie des Doppelgängermotivs

          Nabokov hat die Grundzüge und ein paar Details des Verbrechens Zeitungsberichten über einen Versicherungsbetrug des Jahres 1931 entnommen. Man kann den Roman also als Krimi hören, so wie man einen Tennisschläger auch als Nudelsieb verwenden kann. Seine Brillanz liegt indes auf anderen Gebieten.

          Zum einen als ebenso raffinierte wie parodistische Bearbeitung des gerade in der russischen Literatur – man denke an den von Nabokov mit Hingabe verachteten Dostojewski – beliebten Doppelgängermotivs: Hermann wird die ganze Welt zum Spiegelkabinett, er sieht überall Ähnlichkeiten, Verdopplungen, Wiederholungen. Eindrücke aus seiner verlorenen vorrevolutionären russischen Herkunftswelt drängen sich irrlichternd in seine Gegenwart.

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