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Franz Overbecks Briefe : Aufklärung der sachlichen Art

Bild: Metzler Verlag

Franz Overbecks Briefe zeigen einen großen Charakter und exzellenten Philologen im Austausch mit Wagner, Nietzschke, Treischke und anderen. Der Briefband liefert den Beweis dafür, dass mitunter auch entlegenste Einsichten einen enormen Wirkumgsreichtum entfalten können.

          Es gibt einen freundlichen Neid auf Leser, die ein großartiges Buch oder gar ein ganzes reiches Werk noch nicht kennen, also darauf, dass sie es noch vor sich haben. Vor uns liegt der achte Band der Werkausgabe Franz Overbecks, eines protestantischen Theologen aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, der in Basel sein Fach lehrte, obwohl er nicht daran glaubte. Enthalten sind in diesem Band seine Briefe, darunter einige an Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Heinrich von Treitschke, Adolf von Harnack und Jacob Burckhardt, die meisten aber an Personen aus der zweiten Reihe des damaligen intellektuellen Lebens.

          Das klingt nicht gerade nach Pflichtlektüre. Auch pflegt der Absender ein mitunter sehr mühsames Deutsch. Er ist in Russland groß geworden und ein äußerst reservierter Formulierer, der noch seine tiefste Verachtung - für schlechte Philologie oder für Nietzsches Schwester - hinter einem Damm langer Nebensätze staut. Overbecks Stil indirekt zu nennen wäre untertrieben. Dem zunächst respektierten, dann immer schärfer abgelehnten Harnack teilt er einmal mit, „pusillanime Gefühle“ gegenüber der „Prolixität“ von dessen Geschichte der altchristlichen Literatur zu hegen. Wer nachschlägt, mag das dann mit „zögerlicher Einstellung gegenüber Ihrer Schwatzhaftigkeit“ übersetzen. Nicht selten also geht es um akademische Dinge, manchmal um Preußen, oft um Nietzsche, dessen auf ergreifende Weise bester Freund Overbeck war. Zumeist jedoch geht es um Fragen des antiken Christentums und der evangelischen Theologie. Um zu verstehen, was es mit Overbecks Briefen auf sich hat, ist es darum dank der guten Kommentierung zwar nicht unabdingbar, auch in anderen Bänden dieser großartigen Werkausgabe gelesen zu haben, aber es hilft schon.

          Doch wer tut so etwas? Wer, dessen Beruf es nicht ist, legt sich acht Bände eines solchen Spezialisten zu, um sich nach Dienstschluss mit dem frühen Mönchstum, der urchristlichen Überlieferung und den Kontroversen um den staatskirchlichen Protestantismus zu beschäftigen? Kurz: Wer, außerhalb theologiehistorischer Kreise, liest Franz Overbeck? Und warum sollte man es denn überhaupt? Vor einer sachlichen Antwort darauf sei eine persönliche erlaubt. Franz Overbeck ist eine der verehrungswürdigsten Personen der neueren Wissenschaftsgeschichte. Aus seinen akribischen Studien zur frühchristlichen Literatur entnahm er, dass vom Glauben zum Wissen kein christlicher Weg führe.

          Theologie ist die Kunst, die Religion loszuwerden

          Je mehr Erkenntnisse über eine Religion vorlägen, meinte er, desto weniger könne sie geglaubt werden. Denn durch die Erkenntnis verliere sie ihre Einzigartigkeit, ihre Wunder, die Plausibilität ihrer Selbstdarstellung. Von den Zeugnissen des Urchristentums her führe nichts in die Welt hinein, alles aus ihr heraus. Eine Synthese mit der „Vernunft“ war nicht vorgesehen. Das Gegenteil zu behaupten war aber und ist bis heute die Neigung der Kirchen, und wenn die eine behauptet, sie sei besonders vernünftig, beschwert sich die andere, anstatt dem Papst das Griechentum zu schenken.

          Mit seiner 1873 auch publizierten Einsicht trug Overbeck persönlich aus, was eine wissenschaftsgeschichtliche Merkwürdigkeit ist: dass in unseren Breiten für die Erkenntnis des Christentums vorzugsweise Leute zuständig sind, die daran glauben. Was eben nur gutgeht, wenn Glaube und Erkenntnis einander mehr oder weniger freundlich sind. Overbeck bestritt das, für ihn war die Theologie eine Art Betriebswirtschaftslehre der Kirche und ein Mittel der Anpassung des Glaubens an die jeweilige Gegenwart. Damit sei Theologie, schreibt Overbeck einmal an den Musiker Carl Fuchs, „die Kunst, die Religion loszuwerden“.

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