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Hörbuch : Hier spricht der Telefonterrormensch

Hier wurde eifrig mitgeschrieben: Diensträume mit Nachrichtentechnik der Stützpunkte „Quelle 1“ und „Quelle 2“ im Zentralobjekt Wuhlheide Ende der Siebziger Bild: BStU

Aufgezeichnet wurde sowieso: Andreas Ammer und FM Einheit hören der Staatssicherheit beim Telefonieren zu.

          Man konnte einfach anrufen. Und seinem Unmut über die Zustände im Arbeiter-und-Bauern-Staat Luft machen. Sich beschweren, zum Beispiel über die „primitive“ und „dreckige“ Mauer, die wegmüsse. Oder auch um seine Schwiegertochter zu denunzieren, die eine Republikflucht plane. Oder Porno-Schmuggler zu verraten. Die Herren am anderen Ende der Leitung meldeten sich naturgemäß niemals mit Namen, sie versprachen höchstens, das Anliegen weiterzuleiten: Aufgenommen wurden die Anrufe in jedem Fall.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Sammelwut des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik war sprichwörtlich; und hätte die Stasi die heutigen technischen Möglichkeiten gehabt, wäre sie womöglich nicht an ihrem Datenwust erstickt.

          Der Gipfel der Subversion

          Die Behörde, die nach der Wiedervereinigung diese Geschichte aufarbeitet, hat reichlich Tonmaterial, das der Staatssicherheitsdienst hinterließ. Dort, beim Bundesbeauftragen für die Stasi-Unterlagen, wurde das eingespielte Hörspielduo Andreas Ammer und FM Einheit fündig. Der Autor und der Musiker konnten nach erfolgter Anonymisierung der Mitschnitte eine Originaltoncollage zusammenbauen, die einen Ausschnitt der jüngeren deutschen Geschichte zum Klingen bringt, von der man nicht auf Anhieb sagen könnte, wie lange sie zurückliegt. Manch eine der Stimmen dürfte noch am Leben sein.

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          Dem Hörspiel, das der WDR produziert und ausgestrahlt hat, gelingt es, eine Welt vor Ohren zu führen, die viele Schattierungen des Niederträchtigen kennt. Aber es gibt auch die Gegenseite, streitbare Bürger, die sich nicht abspeisen lassen wollen, die nachgerade renitent werden. Der Gipfel der Subversion ist ein anonymer Telefonterrorist, der ungeniert erklärt, er rufe nur an, um die Leitung zu blockieren, damit kein anderer anrufen könne. „Habt ihr mich jetzt immer noch nicht gefunden?“, fragt er provozierend, offenkundig seiner Sache sehr sicher. Andere haben es nicht geschafft, sich dem Zugriff des Staates zu entziehen. Man wird Ohrenzeuge, wie ein weinender Mann minutenlang unverständlich vor sich hin brabbelt. Man hört einem Stasi-Mann zu, der in beinahe seelsorgerischer Manier auf einen Gefangenen einredet – er habe nun mal eine Straftat begangen und müsse ins Gefängnis, aber das werde schon wieder.

          Andere Funde sind von feiner, unfreiwilliger Komik wie der beharrliche Versuch einer Telefonistin des Fernamts in Frankfurt am Main, einen Anruf aus Kanada durchzustellen, der einen Mitarbeiter sprechen möchte, der Englisch oder Französisch spricht. „Dett wird schwierig“, heißt es dazu bei der Stasi. Es ist in diesen misslingenden Gesprächen, die voller Verzweiflung, Hass und (Selbst-)Erniedrigung sind, eine Banalität des Bösen am Werk, die unfreiwillig entmystifizierend wirkt: was Menschen Menschen antun und wie sinnlos das alles ist, wenn man ohnehin schon unter einer Wolke der Unfreiheit lebt.

          Unvorstellbares Ausmaß der Bedrohung

          FM Einheit akzentuiert mit seinen elektronisch erzeugten Klangteppichen und -decken Rhythmus und Melodie der gesprochenen Sätze. Das kann mal stammelnd und stakkatohaft daherkommen, dann wieder aufpeitschend, fordernd oder bedrohlich. Zwar kennt man die Zutaten dieses Sounds mittlerweile hinlänglich, aber sie haben sich eben bewährt bei dem Versuch, gesprochene Sprache in Musik zu betten und sie so zu überformen. Dazu setzt FM Einheit treibende Basslinien ein oder Bläsersätze, die an LaBrassBanda erinnern. Dazwischen Eiseskälte durch allerlei Gefiepe und Hintergrundrauschen. Das Ziel ist schließlich Kunst, Hörkunst, und kein vertontes Geschichtsbuch. Man sollte diese Klangwolke im Geschichtsunterricht einsetzen, um zu erleben, was sie mit Jugendlichen anstellt.

          Zwei Jahre haben sich Ammer und Einheit durch die Archive gehört: Als Hörer nimmt man respektvoll und dankbar zur Kenntnis, dass sie sich darauf beschränkt haben, ein Hörspiel von knapp einer Stunde Dauer zu machen und keine Dokumentation. Im Begleitheft schreibt Joachim Gauck, der die Stasi-Unterlagen-Behörde leitete, bevor er Bundespräsident wurde, wer nicht in der DDR gelebt habe, könne sich das Ausmaß der Bedrohung nicht vorstellen: Die Stasi habe über „ein nahezu uneingeschränktes Arsenal an Maßnahmen“ verfügt, um jeden beliebigen DDR-Bürger zu „zersetzen“.

          Stasi in die Produktion

          Am Ende hat die Staatssicherheit dann allerdings – glückliche Pointe der Geschichte wie des Hörspiels – ihren eigenen Untergang auf Magnettonbändern aufgezeichnet. Sprüche wie „Lieber Schnitzel als viel Spitzel“ oder „Stasi in die Produktion“ hatte das aufmüpfige Volk schon gewagt auf Plakate zu schreiben. Und dann steht es plötzlich leibhaftig vor der Tür und skandiert „Tor auf! Tor auf!“.

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