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Am 10. Februar 1933: In Berlin gibt es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Republikanern vor der Berliner Universität. Bild: SZ

Uwe Wittstocks „Februar 1933“ : Nacht der langen Messer

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Wie erzählt man Zeitgeschichte? Uwe Wittstocks „Februar 1933“ berichtet von deutschen Künstlern und Literaten in einem singulären Moment. Eine Buchrezension zwischen Kunst und Terror.

          3 Min.

          Um es vorweg zu sagen: Dieses Buch ist ein großer Wurf, weit mehr als eine Fortschreibung von Titeln wie Florian Illies’ „1913“ oder Hans Ulrich Gumbrechts „1926“, die, historische Eckdaten mit kulturellen Umbrüchen verbindend, eine synchrone Dimension der Geschichte sichtbar machten: Ungleichzeitigkeit ist das richtige Wort dafür. In seinem Essay über Laokoon spricht Lessing vom fruchtbarsten Augenblick, den der Künstler wählen müsse, um ein Geschehen samt seiner Vorgeschichte und Nachwirkung sichtbar zu machen. Der „Februar 1933“, den Uwe Wittstock in seinem Buch mit akribischer Detailtreue dokumentiert, war und ist solch ein fruchtbarer Augenblick – genauer: ein furchtbarer Augenblick.

          Ein Vergleich zu Bildern und Berichten aus Kabul beim Einmarsch der Taliban ist nicht zu weit hergeholt: Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler machten SA, SS und die von Göring gleichgeschaltete Polizei Jagd auf Sozialdemokraten, Kommunisten, Juden und missliebige Intellektuelle. Wie die Taliban bei Razzien von Haus zu Haus, drangen sie in Wohnungen ein, zerschlugen das Mobiliar, beschlagnahmten oder verbrannten Manuskripte und Bücher wie in der linken Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz, wo Berliner Passanten sich aktiv an Übergriffen beteiligten. Wer ins Columbiahaus und andere improvisierte Foltergefängnisse eingeliefert wurde, konnte von Glück sagen, wenn er oder sie mit dem Leben davonkam. Ähnlich wie beim Evakuieren des Flughafens Kabul ging es am Anhalter Bahnhof zu, wo Heinrich Mann und andere Koryphäen der Kunst und Literatur im Gedränge untertauchten, um, getarnt als Reisende mit Regenschirm und leichtem Gepäck, nach Wien, Prag oder Paris zu entkommen. Aus der Emigration kehrten viele von ihnen nie oder erst nach langwieriger Odyssee in deutsche Lande zurück.

          Vernichten und ausrotten, weiter nichts

          Uwe Wittstock tat gut daran, sich auf die Schicksale von Künstlern und Literaten zu konzentrieren, deren Leidensweg 1933 begann und nicht, wie von üblen Nachrednern behauptet, im „Logenplatz des Exils“ endete: Ernst Toller, Stefan Zweig und Walter Benjamin nahmen sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben – um nur diese Namen zu nennen. Nicht minder erschütternd ist die Bilanz der Gewalttaten und Morde, denen nicht nur Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern auch SA-Leute und unbeteiligte Passanten zum Opfer fielen, so dass man von einer Bartholomäusnacht sprechen kann, aus der Deutschland erst 1945 erwachte.

          Im Februar 1933 genügten wenige Wochen, um die Verfassung auszuhebeln, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit abzuschaffen und den demokratischen Rechtsstaat durch ein Terrorregime zu ersetzen, das an Menschenverachtung schwer zu überbieten war. Hermann Göring, damals preußischer Innenminister, hat Ziele und Methoden der Naziherrschaft mit zynischer Brutalität offengelegt: „Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche juristischen Bedenken. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts!“

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