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Fotoband über Sapeurs : Mich kannst du nicht übersehen!

Der raffinierte Pfau: Elie Fontaine Nsassoni, 45 Jahre alt, Besitzer eines Taxis, Sapeur seit seinem zehnten Lebensjahr, in Brazzaville. Bild: Tariq Zaidi

Eine Gesellschaft geselliger Singularitäten: Der Fotograf Tariq Zaidi spürt dem Phänomen extravagant und teuer gekleideter Kongolesen nach.

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          Louis Vuitton, Kenzo, Versace und dazu noch ein Gürtel von Vera Pelle: mehr Schale geht nicht. Se saper, das heißt umgangssprachlich soviel wie „sich in Schale werfen“. Demnach wären „Le Sapeurs“ also diejenigen, die sich besonders schick machen. Aber sie selbst erklären ihren Namen ein wenig anders, nämlich als Bezeichnung für die Angehörigen der „Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes“, also der Gesellschaft der Stimmungsmacher und der eleganten Personen. Die Sapeurs hätten demnach nicht nur das Phänomen im Blick, sondern auch dessen Wirkung auf seine Umgebung. Anzutreffen sind sie vor allem in Kinshasa und Brazzaville, den Metropolen des Kongo, einem der an Bodenschätzen reichsten Länder der Welt, in dem es so viel Armut gibt wie kaum irgendwo sonst.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Unter „Ambiance“ versteht man die Umgebung, aber auch das soziale Klima, die Stimmung. Was tut ein Ambianceur in Kinshasa? Er tut etwas fürs Klima, hebt die Stimmung und verschönert seine Umwelt, indem er sich in Schale wirft und in möglichst aufsehenerregender Weise umherspaziert. „La Sape“, wie die Bewegung genannt wird, und es ist wohl tatsächlich mehr eine Bewegung als eine „Société“, zielt zunächst einmal auf Sichtbarkeit, maximale Sichtbarkeit. Mich, so sagt jedes Jackett, jeder Schuh, jeder Ring, jede Krawatte und jeder Manschettenknopf, mich kannst du nicht übersehen!

          Produzenten des schönen Scheins

          Der Sapeur ist nicht wohlhabend. Er ist Pförtner, Taxifahrer, Verkäufer. In der Regel muss er mehrere Jahre eisern sparen, bevor er ein Ensemble beisammenhat, das seinen Ansprüchen genügt. In einem Land, dessen Einwohner im Durchschnitt nur einige hundert Euro im Jahr verdienen, trägt der Sapeur Schuhe aus Krokoleder für 1300 Dollar und dazu ein Kaschmir-Sakko, das kaum weniger gekostet hat. Ist der Sapeur deshalb ein Mode-Junkie, ein Markenfetischist und ein sklavisch der Glitzerwelt des Luxuskonsums ergebener Aufschneider und Möchtegern-Millionär? Das könnte man meinen.

          Tariq Zaidi: „Sapeurs“. Ladies and Gentlemen of the Congo.
          Tariq Zaidi: „Sapeurs“. Ladies and Gentlemen of the Congo. : Bild: Kehrer Verlag

          Doch bei so viel Oberfläche bleibt auch manches im Dunkeln. Das Phänomen des Sapeurs ist komplex und widersprüchlich, seine Geschichte scheint weitgehend unerforscht. Der Sapeur ist ein Illusionist, der mit beiden Füßen fest auf dem Boden einer meist armseligen Realität steht. Der Sapeur leugnet die Wirklichkeit nicht, sondern betont die extremen Gegensätze, die in ihr herrschen. Zugleich hebt er sie für die Dauer seines Auftritts auf. Er ist der Produzent eines schönen Scheins, der blendet und die Augen öffnet. Dieser Schein trügt – und er trügt nicht. Der Sapeur schlüpft in die Kleidung des reichen weißen Mannes wie unter eine Tarnkappe. Sie macht ihn sichtbar, aber niemanden glauben, es handle sich bei ihrem Träger um einen weißen reichen Mann. Man könnte meinen, der Sapeur wolle um jeden Preis jemand sein, der er nicht ist. Aber die Logik der Gesellschaft der eleganten Personen ist eine andere. Ihr zufolge überspringt der Sapeur eine Grenze und zeigt zugleich eine andere jenen auf, die sie gezogen haben. Mit den Worten eines Sapeurs: „Weiße Leute haben diese Kleidung erfunden, aber erst wir haben eine Kunst daraus gemacht, sie zu tragen.“

          Verpasste Gelegenheit

          Für manche erfuhr „La Sape“ die entscheidenden Prägungen im Brazzaville der sechziger Jahre, als die Sapeurs sich den Protestbewegungen gegen Präsident Mobutu anschlossen und durch prominente Vertreter wie den erfolgreichen Musiker Papa Wemba zunehmend Aufmerksamkeit auch außerhalb des Kongo erfuhren. Andere verweisen auf die zwanziger Jahre, als „La Sape“ als subversive Protestform gegen die französischen Kolonialherren sichtbar wurde. Der Begriff des Sapeurs findet sich indes bereits um 1850 in den Schriften Alexander von Humboldts.

          Sapeurs – und seit einigen Jahren zunehmend auch Sapeusen – werden gern fotografiert. Aber spricht man auch mit ihnen? Der in England lebende Fotograf Tariq Zaidi hat für seinen faszinierenden Bildband drei Jahre lang regelmäßig die Sapeur-Szene im Kongo besucht. Sapeurs seien auf Festivals, Modeveranstaltungen und in Werbespots häufig zu sehen, aber nie zuvor, so heißt es im Vorwort des Bandes, seien sie in ihrer ärmlichen Heimat fotografiert worden. Das ist nicht ganz richtig, denn Francesco Giusti hat bereits 2009 Sapeurs in ihren Vierteln in Pointe-Noire fotografiert. Zaidi nennt jetzt zwar den Namen, das Alter und meistens auch den Beruf seiner Modelle und listet akribisch auf, welche Modemarken sie tragen, bis hin zu Kopfbedeckung, Sonnenbrille und Regenschirm. Aber er lässt sie nicht zu Wort kommen. Es mag nicht die Sache eines Fotografen sein, Interviews zu führen, aber es ist schade um die verpasste Gelegenheit. Ein Vorwort im Umfang von knapp zwei Seiten ist da kein Trost.

          Bleibt nur die Interpretation der fotografischen Interpretation eines Phänomens, in dem sich Kolonialismus, Anziehung und Abstoßung, Protest und Aneignung, Konsum und Ästhetik auf fesselnde Weise vermischen. Der Sapeur ist ein Trickster: Er stellt das Verhältnis zwischen Eigenem und Fremden auf den Kopf. Er ist ein Gestaltwandler: ein Schwarzer im subtil verfremdeten Prachtgewand der Weißen. Er ist ein Ironiker: Er präsentiert seine teure Ausstattung in ärmlicher Umgebung. Er ist Mitglied einer Gesellschaft geselliger Singularitäten. In der Kulturgeschichte des Narren ist er einzigartig. Denn dieser Narr ist nicht nur klüger als sein Publikum, er ist auch besser angezogen.

          Tariq Zaidi: „Sapeurs“. Ladies and Gentlemen of the Congo. Kehrer Verlag, Heidelberg 2020. 176 S., Abb., geb., 35,– €.

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