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Enzensbergers Anekdoten : „Seinen Enttäuschungen verdankt M. mehr als seiner Phantasie“

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Hans Magnus Enzensberger 1999 in München Bild: Barbara Klemm

Dieser Autor hat von sich selbst nie viel Aufhebens gemacht, die Welt war ihm genug: Hans Magnus Enzensbergers persönliche Anekdoten und pseudonyme Schreibratschläge geben zu denken.

          1945 kommen die amerikanischen Soldaten, die auf den jugendlichen Hans Magnus Enzensberger wie „Besucher von einem anderen Stern“ wirkten. Nicht ausgemergelt und abgerissen wie die letzten deutschen Soldaten, sondern „lässig, gutgenährt und gutgebügelt saßen sie in ihren olivgrünen Wagen und lachten“. Unter ihnen gab es „dunkelhäutige Riesen, die Hefte mit bunten Kinderzeichnungen herumreichten, über die sie sich amüsierten“. Der jugendliche Enzensberger spricht die Soldaten an, die ihm daraufhin ein „farbiges Stäbchen“ anbieten, „das nach Entfernung der Hülle und eines silberglänzenden Papiers eine graue, mit leichtem Staub bedeckte Masse enthielt. Sie war süß und schmeckte nach Pfefferminz, schmolz aber nicht im Mund.“ So lernt man Comics, Kaugummis, Lässigkeit und Freiheit kennen, und für Enzensberger beginnt eine der besten Phasen seines Lebens, in der er unter anderem Schwarzhändler von Kuckucksuhren wird.

          Dieser Autor hat von sich selbst nie viel Aufhebens gemacht, die Welt war ihm genug, kaum gibt es einen Lyriker, der so selten „Ich“ sagt. Im Alterswerk lockern sich allerdings die Restriktionen, 2015 erschien der Band „Tumult“ mit Reiseberichten aus der Sowjetunion der sechziger Jahre, und es tauchen Gedichte auf wie „Nürnberg 1935“, in dem ein kindliches Ich seinen langen Schatten auf einer Wiese betrachtet, sich verloren fühlt: „Es roch nach Laub und nach Heu. / Bis zum Herbst neununddreißig / war es noch weit. Ahnungslos / schleppte der Frieden sich hin. / Keine Feuersäulen stiegen auf / über der Stadt. Es war kalt / im Schatten der hohen Türme.“

          Ein ganzes autobiographisches Buch

          Nun also ein ganzes autobiographisches Buch, denn ein solches ergeben die „Handvoll Anekdoten“, die begleitet werden von Abbildungen und vor allem Fotografien aus dem Familienbesitz der Enzensbergers. Damit dieses Buch entstehen konnte, musste der Autor sich womöglich selbst austricksen. Denn es existierte zunächst, 2016, als Privatdruck in einer Auflage von 99 Exemplaren, die für den Familien- und Freundeskreis bestimmt war, um Erinnerungen weiterzugeben und das Familiengedächtnis zu bewahren. Dieser private Rahmen gab Enzensberger die Freiheit, von sich selbst beziehungsweise von „M.“ zu erzählen, beginnend mit dem Geburtsjahr 1929, endend in den frühen fünfziger Jahren, bevor er Schriftsteller wird.

          Was erfahren wir nun in diesem Buch, wen lernen wir kennen? Zuerst die Familie, die Eltern, die den jungen Magnus offenbar liebten, verwöhnten und ihm vieles durchgehen ließen, dann die Brüder Christian und Ulrich, die sorgfältig porträtiert werden, aber auch Onkel und Tanten, darunter genusssüchtige Filous, aber auch stille und liebenswerte Personen mit einer sausenden Nähmaschine sowie einer Gipsmadonna im Garten wie Tante Theres, an die erinnert werden muss, auch weil die Familie manches an ihr „versäumt“ hat.

          Von solchen Versäumnissen ist öfter die Rede, denn Autobiographien sind auch Schuldeingeständnisse oder Beichten, wie man im Fall dieses katholisch getauften Autors sagen darf. Hier muss es also heraus, dass man sich für die eigenen Brüder nur so lange interessiert hat, wie es einem passte, und dass man sie, Magnus ist der Älteste, auch gepeinigt hat. Andere Untaten werden aufgelistet, die einen erheblichen Durchsetzungswillen verraten: Einem Mitschüler, der Gewalt ausübt, wird mit Bedacht laut knackend der Finger gebrochen, und in die Hütte eines gemeinen Mitbürgers wird eingebrochen, um drinnen alles pechschwarz anzustreichen.

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