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„Ein deutsches Mädchen“ : Heidrun und ihre Familienbande

Den Mitgliedern des NSU kam Benneckenstein durch ihre Besuche im Szenetreffpunkt „Braunes Haus“ in Jena „gefährlich nahe“. Bild: dapd

Eine Jugend mitten im rechten Milieu des Münchner Speckgürtels: Heidi Benneckenstein schildert den Alltag von Neonazis und wie ihr selbst der Ausstieg aus der Szene gelang.

          Der Feind war bunt. Das lernte Heidi Benneckenstein spätestens beim Kofferpacken fürs Zeltlager. Weiße Bluse, blauer Rock, Schal und Handschuhe nur in „gedeckten Farben“, so lautete die Kleiderordnung für Fahnenappelle im Morgengrauen und Gewaltmärsche durchs Unterholz. Organisiert wurden diese Lager von rechtsnationalen Nachwuchsschmieden wie der seit 2009 verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“. Im Alter von fünf Jahren musste Heidi Benneckenstein, 1992 geboren und von ihren Eltern mit dem Namen „Heidrun“ bedacht, das erste Mal alleine mit ihrer Schwester in ein solches Ferienlager, mit acht Jahren war sie das erste Mal in einem Zeltlager im Ausland. Es ging nach Polen, oder wie ihr Vater sagte, nach Ostpreußen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wenn Schulfreunde in den Ferien im Sand buddelten, stellte die blondbezopfte Heidi im Zeltlager die Hermannschlacht nach und sägte die Deutschlandkarte in den Grenzen von 1937 aus Sperrholz aus. Ihr Heranwachsen in einem stramm rechten Milieu im Münchner Umland schildert Heidi Benneckenstein in ihrem Buch „Ein deutsches Mädchen“. Der Weg nach rechts war programmiert in einem Elternhaus, in dem die „Preußische Allgemeine Zeitung“ auf dem Frühstückstisch lag und Besinnungsliteratur über Nationalsozialisten im Fernsehzimmer. Hineingeboren in diesen Reihenhaus-Revisionismus, der nichts mit dumpfen Skinheads gemein hatte, aber nicht weniger menschenfeindliches Potential aufweist, ist es umso bemerkenswerter, dass sie im Alter von neunzehn Jahren den Weg hinaus fand.

          Die Widersprüche schmälern ihre Glaubwürdigkeit kaum

          Dabei hätte nicht viel gefehlt,und die Autorin wäre endgültig in der rechten Szene geblieben. In einer Mischung aus Sarkasmus und Schaudern schildert die Autorin die Treffen mit NPD-Kameraden in einem Gasthaus, das so schlecht lief, dass der Wirt „dankbar war, wenn wenigstens ein paar Nazis bei ihm hockten“; den gemütlichen Lagerfeuerabend in Jena mit Ralf Wohlleben, einem der Mitangeklagten im NSU-Prozess, der auf sie wirkte, als habe er „nicht mehr alle Tassen im Schrank“, da er wie irre Holz in das Feuer geworfen habe; das Begräbnis eines Neonazis in Passau, bei dem die Autorin zusammen mit anderen Neonazis auf einen Fotografen einprügelte.

          Dass sie heute noch auf Bildern im Internet als Fahnenträgerin bei dem Begräbnis zu sehen sei, erfülle sie mit Scham, schreibt die Autorin, die ihr Buch auch als persönlichen Verarbeitungsprozess verstanden wissen will. Dieser Prozess erklärt vermutlich manche Widersprüche in ihren Schilderungen, die ihre Glaubwürdigkeit jedoch kaum schmälern. So hebt sie zwar immer wieder hervor, weder „Krawall und Mobilmachung“, sondern nur „Revolution“, die Auflehnung gegen ein als korrumpiert empfundenes Gesellschaftssystem gewollt zu haben.

          Den Mitgliedern des NSU kam sie „gefährlich nahe“

          Gleichzeitig prägten jedoch Pöbeleien gegen „Linke“ in Fußgängerzonen und auf Konzerten ihren Alltag. Und sie wusste auch, dass manche Kameraden „gelegentlich im Wald mit Sprengstoff experimentierten“. Die Prahlereien mit Waffen habe sie allerdings für Aufschneiderei, den propagierten Fremdenhass für übertrieben gehalten. In der Nähe der Großstadt aufgewachsen, empfand sie dunkelhäutige Menschen oder orientalische Imbisse weder als fremd noch als feindlich – „anders als für arbeitslose Skinheads aus Sachsen.“ Spätestens hier drängt sich der Vergleich zu den Mitgliedern des NSU auf, die die Autorin zwar nie kennengelernt hat, denen sie jedoch durch ihre Besuche im Szenetreffpunkt „Braunes Haus“ in Jena „gefährlich nahe“ kam.

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