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Edward St Aubyn: Muttermilch : Ein gelungener Abend bei den Macbeths

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Bild: Verlag

Ein Wunder an Stil, Komik und Esprit: Edward St Aubyn ist mit seinem Roman "Muttermilch" ein hinreißendes Gegengift zu allen Wellness-Ratgebern dieser Welt gelungen.

          6 Min.

          Gottlob ist mein Vater gestorben, denn ansonsten gäbe es keine Entschuldigung dafür, so entsetzlich auszusehen“, dachte sich Edward St Aubyn 1986 vor seinem drogenverbleuten Spiegelbild in einer Toilette in New York, nachdem er mit der Concorde eingeflogen war, um die Asche seines Erzeugers abzuholen und als Handgepäck nach London zurückzuschaffen.

          Zu jener Zeit wäre er wohl wenig überrascht gewesen, hätte er erfahren, auch er selbst sei schon tot. Noch als er sich Anfang der neunziger Jahre längst aus seinem Vampirdasein herausgeschrieben hatte, befiel ihn frostige Panik, wann immer er eine Toilette betrat: „Was mache ich hier? Ich nehme doch gar keine Drogen mehr!“ Die „schönsten Stunden“ seines über dreißig Jahre dahinverschlissenen Lebens nämlich hatte er auf Toiletten zugebracht: Wo er Heroin zu sich nahm, dort war sein Zuhause gewesen, und wenn er wieder unter die Sonne kam, fühlte er sich wie jene Auster, auf die er abends zuvor zitternd Zitronensaft geträufelt hatte, eine Flasche Chardonnay fast ausgetrunken neben und einen Bordeaux dekantiert noch vor sich. Seine Beziehung zum Rausch war damals die große Liebe seines Lebens.

          Skorpione im Kopf

          Ein Jahrhundert zuvor hatte ein Student in Oxford mit Namen Oscar Wilde für seine emblematischen Lilien blaue Porzellanvasen erstanden und alle Welt wissen lassen, es fiele ihm von Tag zu Tag schwerer, auf dem hohen Niveau seines Porzellans zu bleiben. Das einzige Niveau indes, das St Aubyn an derselben Universität zu erreichen vermochte, war das seines stündlich zu erneuernden Drogenkonsums, um die Skorpione im eigenen Kopf still zu halten: Zu den Abschlussprüfungen führte er einen entleerten Bic-Kugelschreiber bei sich, um zwischendurch sein Heroin schniefen zu können, und hatte darüber seinen altvererbten Füllfederhalter vergessen. Nach eigenem Bekunden war er der schlechteste Student in der Geschichte Oxfords, jenes Auffanglagers für Generationen der britischen Oberklasse, die zu nichts gut gewesen waren, als in Vorzeiten beim Einfall der Normannen auf der Siegerseite gestanden zu haben. Dafür aber gehörte St Aubyns Familie halb Cornwall, ihr jüngster Spross Eddie kannte die besten Dealer aller Großstädte weltweit, und als er mit der Asche seines Vaters in einer zerknitterten braunen Papiertüte die Madison Avenue in New York entlangstolperte, wusste er auch plötzlich, warum: Es fiel ihm auf, dass er das erste Mal in seinem Leben zehn Minuten mit seinem Vater allein gewesen und dabei nicht geschlagen und nicht beleidigt worden war. Und nicht vergewaltigt.

          Fünfjährig war er erstmals von seinem Vater „missbraucht“ worden, wie eine – St Aubyn zufolge – faule Sprachwendung es vorsieht, nach der man Kinder ja auch bedenkenlos gebrauchen könnte. Und so schloss er, kaum hatte er Oxford und den Tod seines Patriarchen hinter sich, einen Pakt mit sich selbst: Entweder du verwandelst diesen nicht mehr psychoanalysierbaren Klumpen Dreck deiner hauseigenen Daseinsunfähigkeit in Prosa aus Gold auf dem Niveau eines Wilde, Proust, Nabokov und Henry James – oder du gibst dir den goldenen Schuss. Nackt, nur ein Handtuch um die Taille gebunden, da ihm der Schweiß vor Selbstüberwindung, Zorn und Beschämung aus allen Poren drang, gewann St Aubyn der Strafkolonie seiner Kindheit mit der geduldigen Qual einer schwerbeladenen Ameise die Trilogie um sein Alter Ego Patrick Melrose ab, „Schöne Verhältnisse“, „Schlechte Neuigkeiten“ und „Nette Aussichten“, und dankte seinen Eltern im Nachhinein für „das großartige Material“: Von seinem Vater geschändet werde schließlich auch nicht jeder, und nicht jede Mutter wende ihre alkoholverquollenen Augen davon ab und diese dann mit kafkaeskem Charme dem Engagement für Wohltätigkeitsorganisationen wie „Save the Children“ zu.

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