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Eckart von Hirschhausen : Da fällt der Krone der Schöpfung ein Zacken aus der Krone

  • -Aktualisiert am

Zwei ungefährdete Arten: Hirschhausen (Homo sapiens) mit einem Silberwangenhornvogel (Bycanistes brevis) Bild: Dominik Butzmann/laif

Politisches und Poetisches vom Quizmaster: Eckart von Hirschhausen macht sich Gedanken über die großen Krisen unserer Zeit und garniert seine Diagnosen mit onkelhaften Pointen.

          3 Min.

          Wer bei Onlinekonferenzen gerne mitredet, sein Gesicht aber nicht in die Kamera halten möchte, braucht gute Argumente. Ästhetische Erwägungen gehören nicht dazu. Sie stehen im Verdacht, Kopfgeburten von kapriziösen Typen zu sein. Moralische Gründe hingegen rangieren am anderen Ende der Skala und lassen sich kaum ignorieren. Sagt man also, man sei im Web-Meeting immer so schlecht ausgeleuchtet, verdrehen die Kollegen die Augen. Anders sieht die Sache aus, wenn man erwähnt, dass mit wöchentlich fünfzehn virtuellen Besprechungen von jeweils sechzig Minuten 9,4 Kilo CO2 im Monat anfallen – sofern sich die Teilnehmer sehen können. Ohne Bild beläuft sich die Bilanz auf 377 Gramm.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Da der persönliche Beitrag zur Weltrettung inzwischen Ehrensache ist, sind solche Fakten eine Art Gebrauchsanweisung fürs gute Gewissen. Deren Kurator, Eckart von Hirschhausen, liefert in seinem Hörbuch „Mensch, Erde!“ viele weitere Zahlen. Aus einem Artikel der Fachzeitschrift Nature erfährt er, dass der durch Bitcoins verursachte Stromverbrauch ausreiche, um in den kommenden dreißig Jahren das Klima um zwei Grad aufzuheizen. An anderer Stelle wiederum sei nachzulesen, weltweit gingen 8,8 Millionen vorzeitige Todesfälle im Jahr 2015 auf das Konto der Luftverschmutzung. Von der Deutschen Umwelthilfe lernt der Autor, hierzulande würden täglich 7,6 Millionen Einweg-Kaffeebecher entsorgt. Weil deren Innenwände aus Polyethylen bestehen, bleibe von ihnen am Ende nur Mikroplastik übrig.

          Eine wilde Mischung

          Nichts davon ist neu. Gleichwohl hält es Hirschhausen mit Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ In weniger als drei Stunden kümmert er sich um ein ganzes Themenbouquet. Der heute dreiundfünfzig Jahre alte Arzt, Zauberer, Aktivist und Kabarettist informiert im Stil des Quizmasters, der er auch ist, über das Vogelsterben und die Erderwärmung, die Verhaltensforscherin Jane Goodall und den Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker, Covid-19 und Ernährungsgewohnheiten, unser Zeitempfinden und das als „Solastalgie“ bezeichnete Verlustgefühl, das Menschen beschleicht, die miterleben, wie ihre Heimat zerstört wird.

          Eckart von Hirschhausen: „Mensch, Erde!“ Wir könnten es so schön haben.
          Eckart von Hirschhausen: „Mensch, Erde!“ Wir könnten es so schön haben. : Bild: Der Hörverlag

          Die Fallstricke eines solchen Mammutprogramms sind Hirschhausen bewusst, weswegen er erklärt: „Klimaschutz, Artenschutz, Gesundheitsschutz – ohne zu Verschwörungstheorien zu neigen: Da gibt es einen Zusammenhang! Daher ist dieses ‚subjektive Sachbuch‘ der Versuch, einen Teil der Grenzen, in denen Themen oft verhandelt werden, aufzuheben. Deshalb finden Sie hier eine wilde Mischung aus Sachinformationen und Geschichten, Privates, Politisches und Poetisches.“

          Sabotiert der Sendung-mit-der-Maus-Ton das Anliegen?

          Womit wir wieder bei der eingangs gestellten Frage nach Ästhetik und Moral wären. Die Botschaft des Hörbuchs appelliert an den pflichtbewussten Bürger in uns und kann nicht oft genug wiederholt werden: Der Erde geht es schlecht, wir sind schuld und können helfen. Hirschhausen listet zur Motivationssteigerung im Booklet gute Nachrichten der vergangenen Jahre auf, etwa dass 2020 so wenig Fleisch in Deutschland gegessen wurde wie seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr. Die Form allerdings, in die er sein ambitioniertes Manifest kleidet, entspricht der ewig verschmitzten Attitüde, die man von ihm gewohnt ist: „Garantiert 10% weniger lustig als früher“ ist auf der Rückseite der Doppel-CD zu lesen.

          Insofern erlaubt sich der Autor einen Drahtseilakt, bei dem er inhaltlich auf E, ästhetisch jedoch auf Jux-U setzt. Als Auflockerungsmittel der Wahl erweist sich der Kalauer. Ist diese Verschmelzung statthaft? Die Frage geht, so gestellt, an der Sache vorbei, da Witzigkeit bekanntlich keine Grenzen kennt. Die eigentliche Frage lautet: Greifen Gehalt und Form ineinander, oder sabotiert der Sendung-mit-der-Maus-Ton das Anliegen?

          Perfektionist piefiger Kleinkunst

          Die Möglichkeit einer Blamage scheint für Hirschhausen jedenfalls in weiter Ferne zu liegen, sonst hätte er die Dichte seiner Pointen reduziert: „Warum regt sich eigentlich keiner darüber auf, dass wir uns wegen Feinstaub früher aus dem Staub machen?“ – „Schweiß ist die coolste Erfindung der Evolution.“ – „Ist es uns wirklich Latte, ob wir den Löffel nach dem Umrühren wegwerfen oder abspülen?“ – „Wenn da mal der Krone der Schöpfung nicht ein Zacken aus der Krone fällt.“

          Damit der Zuhörer, der ständig angesprochen wird, als wäre er ein Kind, mitkriegt, wann seine Aufmerksamkeit besonders gefragt ist, leistet Hirschhausen Hilfestellung – indem er anlacht. Niemand beherrscht diese piefige Kleinkunst vollendeter als der Autor von „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“. Man muss auf die Nuancen achten, denn winzige Modulationen können einen Unterschied ums Ganze markieren. Ein kurzer Lacher mag bedeuten: Gag, bitte mitschmunzeln. Er kann indes genauso gut heißen: Das ist jetzt sehr traurig. Etwas gedehnt signalisiert er höhere Absurdität. Ist er leicht mit einem Hickser zu verwechseln, handelt es sich um einen Rhythmusgeber.

          Dass Hirschhausen bekennt, er müsse jedes Mal „fast heulen“, wenn er Louis Armstrongs Song „What a Wonderful World“ hört, dann auch noch – gerührt von der eigenen Rührung – den Text zitiert, aber das Datum von dessen Veröffentlichung falsch angibt: geschenkt. Dass er, der Mediziner, allerdings humorlos vorgebrachte Kritik an Angela Merkels Corona-Politik übt und behauptet, die Kanzlerin habe die Unterhaltungsbranche als „irrelevant“ abgetan, ist töricht: „Gesundheit geht vor. Klar. Gesundheit ist aber nicht nur die Abwesenheit von Viren und Krankheit.“ Man könne sich nicht selbst kitzeln, es brauche schon etwas „Show“, um „heilende Kräfte“ zu entfesseln. Angesichts von mehr als neunzigtausend Corona-Toten in Deutschland ist derart simples Aufrechnen doch überraschend, zumal von einem Moralisten. Aber wir erinnern uns: Diesmal ist er garantiert zehn Prozent weniger lustig als früher.

          Eckart von Hirschhausen: „Mensch, Erde!“ Wir könnten es so schön haben. Der Hörverlag, München 2021. 2 CDs, 157 Min., 14,– €.

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