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Autorin Mechtilde Lichnowsky : Männer, Frauen? Kokolores, es sind Künstler!

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Ihm war sie verpflichtet, und wie er prangerte sie Sprach- als Todsünden an: Mechtilde Lichnowsky (1879 bis 1958) mit Karl Kraus um 1930 in Kuchelna Bild: picture-alliance / IMAGNO/Wiener Stadt- und Landesbibliothek

Die große Missvergnügte in Sprachspendierhosen: Mechtilde Lichnowsky ist neu zu entdecken in der endlich vorliegenden Werkausgabe. Sie zeugt von sprachlichem Witz und literarischem Genius.

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          Es sei „seltsam, daß Mechtilde Lichnowsky im Bewußtsein unserer literarischen Welt noch nicht den Platz einnimmt, den in der englischen etwa eine Virginia Woolf innehat. Seltsam, im Sinne von bedenklich – bedenklich nicht für die Dichterin“, resümierte Joachim Moras 1951 im „Merkur“. Inzwischen gab es zwei Anläufe, dem abzuhelfen. Anfang der Fünfzigerjahre versuchte Hanns Arens, Lektor im Bechtle-Verlag, die Autorin mit Neuauflagen ihrer in den Zwanziger- und Dreißigerjahren erschienenen Bücher zu lancieren, später auch Friedhelm Kemp im Kösel-Verlag. Vergeblich. Moras’ Befund ist bis heute gültig, keines der achtzehn Bücher Lichnowskys war bis vor Kurzem lieferbar.

          Dass sie in ihrer exponierten gesellschaftlichen Position – Angehörige des Hochadels, Diplomatengattin, Mutter dreier Kinder – überhaupt publizierte, war ungehörig genug, dass sie in Berliner Künstler- und Intellektuellenkreisen verkehrte, umso mehr. Sie nahm sich ihre Freiheiten, auch privat, was sie teuer zu stehen kam. Nach dem Tod ihres Ehemanns, des neunzehn Jahre älteren Fürsten Carlmax Lichnowsky, 1928, lebte sie auf kleinem Fuß in Cap d’Ail in Südfrankreich. Vom NS-Regime verfemt, kehrte sie Deutschland 1946 den Rücken, um fortan in London zu leben, wo sie 1958 starb.

          Entgegen dem damaligen Frauenbild

          Sie veröffentlichte in renommierten Verlagen wie Kurt Wolff oder S. Fischer, die meisten ihrer Bücher erlebten mehrere Auflagen, von den Hauptstadtzeitungen wurde sie hofiert: Die musizierende, zeichnende, schreibende Mehrfachbegabung war präsent – und eine singuläre Erscheinung: ebenso kosmopolitisch wie bodenständig, ebenso graziös wie hemdsärmelig, ebenso charmant wie scharf­sinnig. Dame selbstverständlich, aber in Hosen – und Zigarre und Pfeife rauchend.

          Sie machte es ihren Lesern mit anspruchsvoller essayistischer Prosa und avancierten Erzählverfahren nicht leicht. Kurt Tucholsky wirkte angesichts ihres 1913 erschienenen Erstlings „Götter, Könige und Tiere in Ägypten“ irritiert: „Außerdem kann sie schreiben. Und denken. Und sehen. Kurz: keine Frau.“ Und man machte es ihr nicht leicht. „Dichtende Diplomaten-Gemahlin!“ wurde ihr 1916 anlässlich der Berliner Premiere ihres Dramas „Das Spiel vom Tod“ hämisch unter die Nase gerieben. Wer ihr „Zivilverhältnis“ (Lichnowsky) mit ihrem Schreiben in Zusammenhang brachte, zog sich ihren Zorn zu. Sie war Schriftstellerin, Punktum! Nur als solche wollte sie beurteilt sein. In ihrem letzten Lebensdrittel scherte sie sich nicht mehr um den sogenannten Betrieb, sie zog sich zurück ins Schreiben, in die Sprache, der sie libidinös huldigte.

          Das ist ein Grund für ihr Verschwinden, aber kein hinreichender. Ihr ebenso eigensinniges wie disparates Werk ist kaum einzuordnen. Als Wiederentdeckung unter dem Zeichen der Wiedergutmachung an einer zu Lebzeiten im von Männern dominierten Literaturbetrieb Marginalisierten war sie auch denkbar ungeeignet. Sie war immer souverän, allergisch gegen jegliche Bevormundung, verachtete Frauen, die sich fügten, die von ihr so bezeichnete „kleine Frau“. Als Mädchen geboren werden, „das ist das Entsetzlichste, was einem Menschen geschehen kann“, heißt es in „Kindheit“, und sie litt ihr Leben lang darunter, „im falschen Anzug“ zu stecken: „Männer, Frauen? – Kokolores! Künstler!“

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