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Russische Revolutionsmode : Strickpullover für Giganten

Wie eine winterliche Parze strickt Natascha Judina mit Schicksalsfäden an einem mythischen Riesenpullover. Bild: Natascha Judina

Anregungen zum Selbernähen: Russische Künstler entwerfen neue Kleider und lassen sich dabei von der Avantgarde der zwanziger Jahre inspirieren.

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          Die Zeit unfreiwilliger Zurückgezogenheit nutze man am besten für kreative Experimente, rät der russische Regisseur Kirill Serebrennikow, der bis zum vorigen Frühjahr anderthalb Jahre im Hausarrest verbringen musste und in dieser Hinsicht Experte ist. Etwa, um sich ein neues Outfit zu nähen, führt Serebrennikow in seinen „Zehn Ratschlägen“ auf Youtube als Beispiel an. Als Inspirationsquelle kommt dabei ein vom ciconia ciconia Verlag herausgebrachter schöner neuer Text- und Bildband gelegen, der unter dem Titel „Mode & Revolution“ die Stilrevolte im frühsowjetischen Russland vergegenwärtigt, aber auch, wie postsowjetische Künstler sich von ihr bis heute beflügeln lassen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die goldenen Zwanziger waren zumal in Russland eine Epoche des Neubeginns am Nullpunkt. Die Avantgardekünstlerinnen Warwara Stepanowa und Ljubow Popowa entwarfen für billige Baumwolltextilien konstruktivistische Stoffmuster, deren geometrische Formen einerseits die Gewebestruktur selbst hervorhoben, durch serielle Reihungen aber zugleich auch schon die visuelle Universalsprache der technischen Zivilisation artikulierten. Der Theoretiker und Wortführer der formalen Schule Ossip Brik war der Meinung, die Kunst müsse, um relevant zu werden, sich überhaupt von der Tafelmalerei auf die aktuelle Industrieproduktion umorientieren. Und die Futuristen Ilja Sdanewitsch und Michail Larionow, die ihre Gesichter mit abstrakten Hieroglyphen bemalten, feierten das als Selbstermächtigung, die sie vom Nachahmen vermeintlicher Naturschönheit emanzipiere.

          Im Polarwinter nur mit Gesichtsmaske

          Der international renommierte Universalkünstler Andrey Bartenev knüpft mit seinen poetisch karnevalesken Performances direkt an die Futuristen an. Der 54 Jahre junge Bartenev, der in Norilsk nördlich des Polarkreises groß wurde, empfand schon die Farbigkeit im sibirischen Krasnojarsk und dann in Moskau als überwältigend „südlich“ und reizte sie in opulenten Phantasiekostümen aus. Sein aus Druckserien von Augenpaaren und Micky-Maus-Comics zusammengeklebtes Pappkostüm einer geflügelten „Schneeflocke“ übersetzt deren prachtvolle Facettenstruktur in die voluminöse Hinfälligkeit des Papiers. Bartenev kreiert immer wieder auch Ganzkörperkombinationen, die das Gesicht mit gemustertem Stoff abdecken. Darin kann man eine Erinnerung an den Polarwinter erkennen, bei dem man möglichst nur mit Gesichtsmaske vor die Tür geht. Der Künstler, der aus Prinzip nur positive Emotionen zum Ausdruck bringt, hat obendrein auf seine Handschuhe Applikationen grinsender Häschen genäht, die Missstimmungen gar nicht erst aufkommen lassen.

          Kunst und Kultur seien ein Luxus, den sich nicht nur reiche, sondern auch arme Leute leisten könnten, 
sagt Andrey Bartenev, hier in einem facettenreichen Ganzkörper-Outfit. Denn die emotionalen Abenteuer, 
die sie bescheren, seien für Geld nicht zu kaufen. Bilderstrecke

          Im sibirischen Tomsk strickt unterdessen die Künstlerin Natascha Judina mit zwei Meter langen Riesennadeln gigantische Pullover. Mit dem Gleichmut einer Parze arbeitet sie an den überdimensionalen Kleidungsstücken und schmückt sie wie einen Mythenteppich mit dem Bildnis von Juri Gagarin oder Wladimir Putin. In der Mode kreuze sich die Erinnerung an Uraltes mit der Vorahnung ferner Zukunft, glaubt der Moskauer Schriftsteller und Künstler Pawel Pepperstein. Das illustriert er mit einer Kollektion bemalter Seidenroben: Auf Peppersteins Reigenkleid wird die Trägerin von Reihen von Volkstänzerinnen umfangen, deren Kreisbewegung in archaischer Form die erkenntnisfördernde Wirkung hochtechnologischer Teilchenbeschleuniger vorwegnehmen. Über das goldfarbene DNS-Kleid rankt sich eine Doppelhelix, die wie die alttestamentarische Jakobsleiter den Kommunikationskanal zwischen Schöpferwillen und Erdgeschehen abbildet. Und das abstrakt suprematistische Weihnachtsbaum-Etuikleid mit Sowjetstern im Strahlenkranz auf dem Brustbein veranschaulicht mit dem symmetrisch angeordneten Planetenschmuck zugleich unser heimatliches Sonnensystem.

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