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Neue Literaturdebüts : Weg, nichts wie weg von hier!

Aufgewachsen in Kaiserslautern: Christian Baron Bild: Hans Scherhaufer

Was wissen wir schon von unserem Land? Viel zu wenig – wie man beim Lesen der besten literarischen Debüts dieser Saison erfahren kann: drei überraschende, überzeugende, überwältigende Bücher von Paula Irmschler, Cihan Acar und Christian Baron.

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          Die drei interessantesten Literaturdebüts dieses Frühjahrs handeln nicht von universellen und der Zeit enthobenen Gefühlen wie Schmerz, Trauer und Abschied, wie man sie schon hundertmal gelesen hat. Sie verbinden auch nicht noch mal eine Coming-of-Age-Geschichte mit einem Roadtrip, um mit Wolfgang Herrndorfs berühmtem Roman „Tschick“ verglichen werden zu können. Sie erzählen von Deutschland. Genauer gesagt: von der deutschen Provinz. Von Kaiserslautern, Chemnitz und Heilbronn. Sie sind so etwas wie Bestandsaufnahmen jenes Landes, in dem wir leben, aus völlig unterschiedlichen Außenseiterperspektiven. Erzählen von jungen Menschen, die zu etwas dazugehören wollen, aber nicht so genau wissen, zu was oder wie sie es anstellen sollen. Drei Deutschland-Romane, die für unsere Selbstverständigung ein Glücksfall sind: Christian Barons „Ein Mann seiner Klasse“, Paula Irmschlers „Superbusen“ und Cihan Acars „Hawaii“ – weil sie alle drei etwas sagen, was wir so noch nicht gehört haben, und uns auf diese Weise vor Augen führen, wie wenig wir von unserem Land wissen.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit „Ein Mann seiner Klasse“ fängt das an. Mit der autobiographischen Erzählung einer Kindheit in Kaiserslautern Anfang der neunziger Jahre und darin: einem die Mutter und die Kinder bis zur Besinnungslosigkeit prügelnden und misshandelnden, immerzu sturzbetrunkenen Vater (mal schlägt er mit der flachen Hand, mal mit dem Gürtel, haut den Kopf der Mutter gegen die Wand, tritt ihr in den Babybauch oder isst den vier Kindern vor deren Augen das Essen weg). Und mit einem scheinbaren Widerspruch, der für das Buch entscheidend ist, ja dieses überhaupt erst hervorbringt: „Andere hätten ihre ganze Kindheit über gehofft, er würde verschwinden, dieser trinkende und prügelnde Vater“, schreibt Christian Baron auf einer der ersten Seiten: „In meinem Fall war es anders. Mochte er auch gesoffen und geprügelt haben, ich wollte immer, dass er bleibt.“ Wie kann das sein?

          Christian Baron wirft in seinem autofiktionalen Text von heute aus einen Blick zurück. Für die anderen, schreibt er, seien sie „Unterschicht“, „Asoziale“, „Barackler“, „Dummschüler“ gewesen. Niemand in seiner Familie sei je über den Hauptschulabschluss hinausgekommen. Niemand außer dem Opa mütterlicherseits hatte eine Berufsausbildung abgeschlossen. Was sich hinter der Tür ihrer Wohnung abspielt, weiß aber tatsächlich keiner von denen, die sie als „Unterschicht“ bezeichnen. Denn es gibt – und das ist das Erschütternde dieses mit aller Wucht daherkommenden, ungeheuer eindrucksvollen Buchs – überhaupt niemanden außerhalb der Familie, der in diese Wohnung hineinkommt und damit eine Ahnung von dem haben könnte, was dort vor sich geht.

          „Ein Mann seiner Klasse“ erzählt deshalb an erster Stelle von einer Isolation – und bricht diese durch das Erzählen nachträglich auf. Einen Kindergarten haben er und sein Bruder nie von innen gesehen, deshalb meiden sie – zu Beginn des Buchs ist er acht Jahre alt – den Kontakt mit anderen Kindern. Natürlich erzählen sie in der Schule auch nichts von dem, was für sie zu Hause innerhalb der unablässig von Rauchschwaden durchsetzten vier Wände (jeder Erwachsene ist hier Kettenraucher, dass der Junge Asthma hat, kümmert nicht) Alltag ist: „Unsere bisherigen Lebensjahre hatten unter Aufsicht der Eltern vor dem Fernseher im Wohnzimmer stattgefunden. Freunde hatten wir keine. Verwandte besuchten wir kaum. Wir lebten wie Einsiedler mitten in der Stadt.“ Und sie erzählen nichts von dem Hunger, der den Jungen irgendwann dazu treibt, mit seinen viel zu langen Fingernägeln den Schimmel von der Wand zu kratzen und ihn sich in den Mund zu schieben, während sein Bruder ihm fassungslos dabei zuzieht und ihn anfleht, damit aufzuhören, weil man davon bestimmt sterben könne.

          Sie bleiben für sich und unter sich – und haben nur einander. Deshalb gibt es, solange die Eltern leben oder da sind (später werden sie zu ihrer Tante ziehen), keinen Ausweg in dieser Kindheit. Einmal schafft die Mutter es, den Vater vor die Tür zu setzen, um ihn am nächsten Tag wieder aufzunehmen, als wäre nichts gewesen. Außerdem gibt es auch diese anderen Momente: mit der Mutter, die eigentlich Dichterin werden wollte und ihm Bücher gibt; oder – da ist sie schon schwer depressiv und krebskrank – mit ihm im Arm Lieblingslieder hört. Und mit dem als muskelbepackter Umzugsmann in seiner Stärke immer auch bewunderten Vater, als der Junge blutspuckend ins Krankenhaus gebracht wird, wo er siebenmal operiert werden muss, von den Ärzten fast schon aufgegeben wird – während der Vater den Platz neben seinem Bett nicht verlässt und ihn auf die Stirn küsst, als er die Augen wieder öffnet: „Mein Vater war da. Er hatte mir das Leben gerettet. Seine sich mit Rasierwasser vermengende Alkoholfahne duftete für mich tausend Mal besser als jeder Teller Spaghetti Bolognese.“

          Ein Teil von ihm

          Wenn Christian Baron zu Beginn seines Buchs diesen Vater einen „Mann seiner Klasse“ nennt, ist das deshalb weniger als Beschreibung zu verstehen, sondern als Geste des Selbstschutzes: „Ein Mann, der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seines gewalttätigen Vaters und einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, der er nun einmal war.“ Denn dieser Vater ist nicht das, was er auslöschen und für immer vergessen will. Er ist das, was und wovon er uns in nüchterner schöner Sprache erzählt, ein Teil von ihm auch jetzt, da er selbst, nach Abitur und Studium (Christian Baron arbeitet als Journalist bei der Wochenzeitung „Der Freitag“), kein Mann dieser Klasse geworden ist. Er wollte weg (was sein Bruder ihm heute noch als Verrat vorwirft).

          Und auch die Protagonistinnen in den anderen neuen Deutschland-Romanen wollen weg: Gisela in „Superbusen“ und Kemal Arslan in „Hawaii“. Wobei wir mit Paula Irmschler, die 1989 in Dresden geboren wurde, 2010 zum Studieren nach Chemnitz zog, als freie Journalistin arbeitete und heute Redakteurin bei der „Titanic“ist, in „Superbusen“ von der nüchternen Dramatik Christian Barons in eine besondere und ziemlich betörende Humorzone treten. Gisela will, wie die Autorin, von Dresden nach Chemnitz zur Uni, was in ihrem Umfeld erst einmal niemand versteht, nicht die Mutter, nicht die beste Freundin, die sie auslacht.

          Die „Titanic“-Redakteurin und Schriftstellerin Paula Irmschler

          „Als Dresdnerin nach Chemnitz zu wollen ist quasi Hochverrat, weil alle Dresden lieben müssen. Genau deswegen hasste ich es“, heißt es. Für Chemnitz spricht, dass sie dort Politikwissenschaft ohne NC studieren kann, ansonsten bleibt sie realistisch: „Chemnitz ist die am zweitschlechtesten angebundene Stadt Deutschlands, danach kommt nur noch Trier, stand mal auf so einer Liste im Internet. Dass nach Chemnitz kein IC oder ICE fährt, ist wichtig für die Identität der Stadt, die viel mit einem ironischen (Linke) bis ernstgemeinten (Rechte und auch Linke) Underdoggehabe zu tun hat. Es gibt einen Twitter-Account namens ,Hat heute in Chemnitz ein IC oder ICE gehalten?‘, und da wird jeden Tag ein ,Nein‘ gepostet.“

          Und auch wenn es eigentlich eher eine Notlösung ist, dorthin zu gehen, wirkt der Name der Stadt (die „Stadt mit den drei o - Korl-Morx-Stodt“), als sie ankommt, dann doch wie ein Versprechen, weil er für Aufbruch und fürs Wegkommen steht, für den Beginn eines eigenen Lebens: „Das verheißungsvolle Wort ,Chemnitz‘ – ich würde jede Wette annehmen, dass niemals jemand zuvor so über diese Stadt gedacht hat. Es war so verheißungsvoll, weil es das erste Mal Alleinsein bedeutete, das erste Mal war, dass ich selbst etwas entschieden hatte und mir nun mein Umfeld ganz neu zusammensuchen konnte.“

          Demo-Burnout in Chemnitz

          „Superbusen“ (der Romantitel ist der Name einer später gegründeten Band) erzählt auch von der Zeit nach dem 26. August 2018, als bei einer Auseinandersetzung am Rand des Stadtfestes ein Mann durch Messerstiche getötet und zwei weitere schwer verletzt wurden, rechtsextreme Gruppen aufgrund von Nachrichten zum Migrationshintergrund der mutmaßlichen Täter zu Demonstrationen aufriefen und es zu Ausschreitungen kam.

          Einen Tag später gibt es einen ersten Gegenprotest – die Nazis sind in der Überzahl, es ist viel zu wenig Polizei da; hier beginnt der Roman. Aber er erzählt eben nicht aus der Perspektive all derer, die damals zum ersten Mal nach Chemnitz gucken und kommen, um Bericht zu erstatten oder mitzudemonstrieren, sondern aus der eines Mädchens, das dort vorher schon war und zumindest vorübergehend hinwollte; eine Demo-erprobte Angehörige der Antifa, die die allmählichen Veränderungen der Stadt auf der Straße mit ihren Freunden nachvollzog: Wo es in Dresden irgendwann Pegida gab, gab es in Chemnitz „Cegida“ – die Leute um sie herum erleben regelrechte „Demo-Burnouts“.

          Lebt in Heilbronn: Cihan Acar

          Diese andere Perspektive ändert alles. Sie dreht die Verhältnisse um, macht uns, die wir alles Mögliche zu Chemnitz gelesen haben, zu Außenseitern, die erst mal zuhören, sich dem entsprechenden Humor stellen müssen – und immer wieder den Neonazis. Das ist auch in „Hawaii“ so, von Cihan Acar, der 1986 bei Heilbronn geboren wurde, zwei Sachbücher über den Istanbuler Fußballverein Galatasaray und über Hip-Hop geschrieben und für die Deutsche Presseagentur aus der Türkei berichtet hat. In „Hawaii“, wie sie ein Stadtviertel von Heilbronn nennen, tauchen zu Beginn des Romans Bürgerwehr-Leute auf, die ständig „Heilbronn, wach auf!“ rufen, für Schweinefleisch-Pflicht in den Kitas demonstrieren und die Klimakrise leugnen; die immer mehr werden und irgendwann „für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer“ fordern. Bis sich eine militante, von einem Abdullah angeführte „Kanka“-Gruppe bildet und es zu schweren Zusammenstößen kommt, bei denen – wie in Chemnitz – der Ausschreitungstourismus beginnt. „Ihr seid gar nicht aus Heilbronn“, stellt Acars Protagonist Kemal Arslan fest, als er vor einer Barrikade von Neonazis steht, die, bewaffnet, damit drohen, ihn abzuschießen.

          Tatsächlich sind die Neonazis gekommen, um eine Art Kriegszustand anzuzetteln – und Kemal, der nicht bereit ist, sich mit den migrantischen Gegengruppen gemein zu machen, will einfach nur weg. Er war eigentlich schon weg, ein Agent hatte ihn entdeckt und als Profifußballer in die erste Liga in der Türkei geholt. Ein Unfall, der nicht auf dem Spielfeld stattfand, machte seiner Karriere ein Ende. Und so irrt er herum, aber nicht ohne Ziel: „Ich wusste ganz genau, wo ich hinwollte. An einen Ort, an dem ich der sein kann, der ich bin. Nicht Kemal, der Fußballer, nicht Kemal, der Arbeitslose, der Herumtreiber, der Versager, der Verräter, der Verkäufer, der Typ zwischendrin. Sondern einfach nur ich. So einen Ort muss ich finden“, heißt es am Ende von „Hawaii“.

          Wo sie wegwollen, sollten wir alle hin: nach Kaiserslautern, Chemnitz und nach Heilbronn und uns dreimal Deutschland mit den Augen von Christian Baron, Paula Irmschler und Cihan Acar angucken. Sie sehen alle drei so viel mehr als wir.

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