https://www.faz.net/-gr0-9x1av

Neue Literaturdebüts : Weg, nichts wie weg von hier!

Aufgewachsen in Kaiserslautern: Christian Baron Bild: Hans Scherhaufer

Was wissen wir schon von unserem Land? Viel zu wenig – wie man beim Lesen der besten literarischen Debüts dieser Saison erfahren kann: drei überraschende, überzeugende, überwältigende Bücher von Paula Irmschler, Cihan Acar und Christian Baron.

          6 Min.

          Die drei interessantesten Literaturdebüts dieses Frühjahrs handeln nicht von universellen und der Zeit enthobenen Gefühlen wie Schmerz, Trauer und Abschied, wie man sie schon hundertmal gelesen hat. Sie verbinden auch nicht noch mal eine Coming-of-Age-Geschichte mit einem Roadtrip, um mit Wolfgang Herrndorfs berühmtem Roman „Tschick“ verglichen werden zu können. Sie erzählen von Deutschland. Genauer gesagt: von der deutschen Provinz. Von Kaiserslautern, Chemnitz und Heilbronn. Sie sind so etwas wie Bestandsaufnahmen jenes Landes, in dem wir leben, aus völlig unterschiedlichen Außenseiterperspektiven. Erzählen von jungen Menschen, die zu etwas dazugehören wollen, aber nicht so genau wissen, zu was oder wie sie es anstellen sollen. Drei Deutschland-Romane, die für unsere Selbstverständigung ein Glücksfall sind: Christian Barons „Ein Mann seiner Klasse“, Paula Irmschlers „Superbusen“ und Cihan Acars „Hawaii“ – weil sie alle drei etwas sagen, was wir so noch nicht gehört haben, und uns auf diese Weise vor Augen führen, wie wenig wir von unserem Land wissen.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit „Ein Mann seiner Klasse“ fängt das an. Mit der autobiographischen Erzählung einer Kindheit in Kaiserslautern Anfang der neunziger Jahre und darin: einem die Mutter und die Kinder bis zur Besinnungslosigkeit prügelnden und misshandelnden, immerzu sturzbetrunkenen Vater (mal schlägt er mit der flachen Hand, mal mit dem Gürtel, haut den Kopf der Mutter gegen die Wand, tritt ihr in den Babybauch oder isst den vier Kindern vor deren Augen das Essen weg). Und mit einem scheinbaren Widerspruch, der für das Buch entscheidend ist, ja dieses überhaupt erst hervorbringt: „Andere hätten ihre ganze Kindheit über gehofft, er würde verschwinden, dieser trinkende und prügelnde Vater“, schreibt Christian Baron auf einer der ersten Seiten: „In meinem Fall war es anders. Mochte er auch gesoffen und geprügelt haben, ich wollte immer, dass er bleibt.“ Wie kann das sein?

          Christian Baron wirft in seinem autofiktionalen Text von heute aus einen Blick zurück. Für die anderen, schreibt er, seien sie „Unterschicht“, „Asoziale“, „Barackler“, „Dummschüler“ gewesen. Niemand in seiner Familie sei je über den Hauptschulabschluss hinausgekommen. Niemand außer dem Opa mütterlicherseits hatte eine Berufsausbildung abgeschlossen. Was sich hinter der Tür ihrer Wohnung abspielt, weiß aber tatsächlich keiner von denen, die sie als „Unterschicht“ bezeichnen. Denn es gibt – und das ist das Erschütternde dieses mit aller Wucht daherkommenden, ungeheuer eindrucksvollen Buchs – überhaupt niemanden außerhalb der Familie, der in diese Wohnung hineinkommt und damit eine Ahnung von dem haben könnte, was dort vor sich geht.

          „Ein Mann seiner Klasse“ erzählt deshalb an erster Stelle von einer Isolation – und bricht diese durch das Erzählen nachträglich auf. Einen Kindergarten haben er und sein Bruder nie von innen gesehen, deshalb meiden sie – zu Beginn des Buchs ist er acht Jahre alt – den Kontakt mit anderen Kindern. Natürlich erzählen sie in der Schule auch nichts von dem, was für sie zu Hause innerhalb der unablässig von Rauchschwaden durchsetzten vier Wände (jeder Erwachsene ist hier Kettenraucher, dass der Junge Asthma hat, kümmert nicht) Alltag ist: „Unsere bisherigen Lebensjahre hatten unter Aufsicht der Eltern vor dem Fernseher im Wohnzimmer stattgefunden. Freunde hatten wir keine. Verwandte besuchten wir kaum. Wir lebten wie Einsiedler mitten in der Stadt.“ Und sie erzählen nichts von dem Hunger, der den Jungen irgendwann dazu treibt, mit seinen viel zu langen Fingernägeln den Schimmel von der Wand zu kratzen und ihn sich in den Mund zu schieben, während sein Bruder ihm fassungslos dabei zuzieht und ihn anfleht, damit aufzuhören, weil man davon bestimmt sterben könne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Altmaier : „Ich bin nicht der Oberlehrer der Welt“

          Muss Deutschland einen Bogen um Länder wie China machen, die Freiheitsrechte verletzen? Nein, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Im F.A.Z.-Interview kündigt er für Deutschland weitere Staatsbeteiligungen an – und ein mögliches Ende der Maskenpflicht.
          Schichtwechsel beim Mercedes-Benz Werk Untertürkheim.

          Wirtschaftskrise : Daimler will noch viel mehr Stellen streichen

          Der Autohersteller Daimler will wegen der Corona-Krise mehr Stellen streichen als bisher bekannt. Mit 15.000 Arbeitsplätzen komme man nicht aus, stellt der Personalvorstand klar. Auch der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen gerät ins Wanken.
          Aktivistischer Investor: An die Commerzbank schrieb Cerberus nach klassischer Aktivistenmanier Briefe.

          Cerberus Investitionen : Der umtriebige Finanzinvestor

          Cerberus zieht als entschlossener Aktivist nicht nur bei der Commerzbank die Fäden. Die Amerikaner stehen darüber hinaus für eine Reihe sehr unterschiedlicher Transaktionen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.