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Michael Kraskes „Der Riss“ : Die Mär von den Baseballschlägerjahren

Auf der Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen in seiner Wahlheimat Leipzig, die er immer weniger versteht: Journalist Michael Kraske in seinem neuen Buch „Der Riss“ Bild: dpa

Michael Kraske beschreibt kenntnisreich die ostdeutsche Gesellschaft. Dabei wird er jedoch den westdeutschen Blick nicht los und trifft damit den Nerv eines West-Publikums, dem der Osten bis heute fremd geblieben ist.

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          Es ist von Vorteil, dass der im Sauerland geborene Journalist Michael Kraske seit fast dreißig Jahren in Leipzig lebt und den Osten sehr gut kennt. Dachte er zumindest, denn sein neues Buch „Der Riss“ ist eine Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen in seiner Wahlheimat, die er immer weniger versteht. Herausgekommen ist ein, so viel vorweg, lesenswertes, nachdenkliches und auch streitbares Werk, das nur den Nachteil hat, den westdeutschen Blick zum Maßstab zu erheben. Das geht schon mit dem besonders ärgerlichen Untertitel los: „Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört“. Der Satz dürfte dem Marketing geschuldet sein, weckt im Osten jedoch sofort Erinnerungen an Zeiten, in denen die SED verkündete, alles Böse komme „aus der BRD“.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Kraske schildert zunächst seine Fassungslosigkeit angesichts der Erfolge von AfD und Pegida, aber auch ob des schon seit Jahren – relativ gesehen – größeren Ausmaßes an Ausländerfeindlichkeit und Rassismus im Osten. Der Autor profitiert dabei von seinem profunden Wissen über Rechtsextremismus vor allem in der Provinz. Er kennt die Klein- und Mittelstädte Sachsens, in denen sich Neonazis unwidersprochen breitmachen, er weiß um die jahrzehntelange Verharmlosung des Problems durch Politiker – insbesondere der sächsischen CDU –, die Kritik lange als „Sachsen-Bashing“ abtaten, das Wegsehen mancher Polizisten und eine bisweilen skandalöse Verzögerungstaktik der Justiz, die etwa in der Neonazi-Schläger-truppe „Sturm 34“ keine kriminelle Vereinigung erkannte, den Prozess hinausschob und schließlich ein mildes Urteil fällte, das der Bundesgerichtshof kassierte.

          „Der Riss“ geht durch ganz Deutschland

          Es ist Kraskes Verdienst, dass viele dieser Ereignisse überhaupt erst in der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Hartnäckig bleibt er an Geschichten dran, beschreibt empathisch die Menschen, die sich gegen diese Zustände zur Wehr setzen. Trotzdem unterlaufen dem Autor bekannte, aber falsche Pauschalisierungen. „Wer sich im Osten für kulturelle Vielfalt, Pluralismus und Demokratie einsetzt, wird vielerorts zum Außenseiter, nicht selten bedroht und sogar angegriffen“, ist eine Feststellung, die genauso wenig zutrifft wie die vier Seiten später auftauchende Behauptung, es gebe „eine kollektive Gewalterfahrung im Osten“, nämlich „die Geschichte einer Jugend auf der Flucht vor rechten Schlägern“ in den neunziger Jahren.

          Das ist vielmehr ein besonders im Westen willkommenes Erzählmotiv, wie sich auch an der dort großen Popularität des Twitter-Hashtags „Baseballschlägerjahre“ über die Nachwendezeit ablesen lässt. Solche Erzählungen treffen den Nerv eines West-Publikums, dem der Osten bis heute fremd geblieben ist und das auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung kaum Wissen über die fünf Ost-Länder hat.

          Kraske schildert das sogar selbst am Beispiel seiner Tochter, die, in Leipzig geboren, „merkwürdige Erfahrungen“ während ihres Studiums im Westen macht: „Es nervt sie, ihre ostdeutsche Herkunft ständig erklären und rechtfertigen zu müssen.“ Sobald sie sage, „dass ihre Eltern aus dem Westen stammen, reagieren einige geradezu erleichtert“. Es gebe im Westen bis heute „ein abfälliges Fremdeln mit Ostdeutschen“, schreibt Kraske und mutmaßt mit Recht, dass „die anhaltende westliche Überheblichkeit auch ein Grund für die Rückbesinnung auf das Eigene im Osten“ sei. Dabei bleibt jedoch immer klar, dass diese Befindlichkeiten keine Rechtfertigung für Ausländerhass, dumpfes Pegida-Geschrei oder dafür, AfD zu wählen, sein dürfen.

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