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Briefausgabe : Was zu tun ist und warum

man fragt sich, warum sie kein Paar geworden sind: Ingeborg Bachmann (links) und Hans Magnus Enzensberger. Bild: MAGNUM PHOTOS

Sie wollten zusammen ein Buch machen, „das fliegen kann“. Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger erzählt von einer engen Beziehung. Und doch blieb zwischen ihnen immer ein Rest von Distanz.

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          Wenn man heute ihre Briefe liest, nach fünfzig, sechzig Jahren, fragt man sich, warum sie kein Paar geworden sind. So vieles an ihnen passte zusammen, die Herkunft (Bayern und Kärnten), die Jugend im Krieg, das Studium (Germanistik und Philosophie), die Lyrik, der Ruhm in den fünfziger Jahren. Zwei Goldkinder der deutschsprachigen Literatur. Man sieht das „Spiegel“-Titelbild vor sich. Aber das sind nachträgliche Projektionen, Gedankenspiele. Sie haben mit den realen Personen nichts zu tun. Wenn da nicht diese paar Sätze wären, zwischendrin, wie geflüstert: „seit deiner abreise steht die luft still“. Oder eine Anrede, atemlos, in einem Wort: „meineingeborg“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger ist die dritte Lieferung der von Suhrkamp und Piper gemeinsam getragenen Bachmann-Werkausgabe, der „Salzburger Edition“. Nach dem Paukenschlag von „Male oscuro“ – den manche für einen Schlag ins Boudoir gehalten haben – und der editorischen Glanztat des „Buchs Goldmann“ wirkt dieser Band wie ein Intermezzo, eine Pause zum Luftholen. Max Frisch, der Buhmann des Bachmannschen Martyrologs, spielt diesmal keine Haupt-, noch nicht einmal eine Nebenrolle; er bleibt eine Randfigur, fern und wesenlos. Hier geht es um zwei andere, die sich nicht fanden (oder nur kurz) und dennoch, oder gerade deshalb, Freunde blieben. Geschwister im Geist. Sie halten Abstand, sie geben nicht alles preis in diesen Briefen, aber manchmal, stellenweise, sehr viel. Mit Hans Werner Henze hat Bachmann eine längere, intensivere Arbeits- und Freundschaftsbeziehung, mit Uwe Johnson, mag sein, einen tieferen intellektuellen Austausch erlebt (der entsprechende Band der Werkausgabe steht noch aus); aber hier, mit Enzensberger, sieht man sie wie in einem Fotoalbum, in einer Folge präziser Momentaufnahmen: in ihrem Zauber, ihrer Verspieltheit, in ihrem Alleinsein und ihrer Angst.

          Es beginnt im November 1957. Enzensberger ist von einer Amerikareise zurück im norwegischen Stranda, wo er mit Frau und Tochter lebt. Er nimmt das Briefpapier eines Hotels aus Texas und schreibt an Ingeborg Bachmann, die als Dramaturgin beim Bayerischen Rundfunk in München arbeitet – „manchmal höre ich von ihnen, aus den zeitungen, oder ganz einfach, indem ich das ohr an die tischplatte lege“. Vor zwei Jahren haben sie sich bei einer Tagung der Gruppe 47 kennengelernt, da war Bachmann schon berühmt, Enzensberger ein Debütant. Inzwischen ist sein erster Gedichtband erschienen, „verteidigung der wölfe“ („hat suhrkamp sie ihnen geschickt?“), und ein konkretes Anliegen hat er auch: „wir sollten einmal zusammen ein buch machen, ein buch das fliegen kann.“ Sie fliegen beide gern, literarisch und real, Bachmann nach Neapel, Enzensberger nach London zu einem Kongress und nach Rom, wo er ein Stipendium in der Villa Massimo bekommen hat; und obwohl aus dem Buchprojekt nichts wird, nimmt die Dichterin das Gesprächsangebot des drei Jahre jüngeren Dichters an. „Weil ich mir nämlich einbilde, dass wir über alles reden sollten, worüber man sonst wenig Lust hat, noch mit irgend jemand zu reden.“ Also „über das Schreiben, sogar über Gedichte und wie alles veränderbar wäre und was zu tun ist und warum“. Also über alles.

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