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Denis Johnsons neuer Roman : Wer den Mythos trifft, zerstört das Land

Bild: Verlag

Es führt kein Weg zurück aus Vietnam: Der große amerikanische Schriftsteller Denis Johnson schildert in seinem neuen Roman „Ein gerader Rauch“ einen Krieg, der nicht enden wollte.

          4 Min.

          In der brutalsten Szene dieses Romans eines brutalen Krieges wird ein Vietnamese von einem schwarzen Soldaten gefoltert. Der Amerikaner trägt sein Haar „in wilden langen Büscheln über die Schultern. Die Ärmel seiner Uniform hatte er, wie auch die Hosenbeine, fast bis obenhin abgeschnitten, und außer den grellen Streifen aus roter, weißer und blauer Farbe, die sein Gesicht und seine Gliedmaßen bedeckten, hielt nichts das Ungeziefer von seinem Körper fern.“ Der GI in Kriegsbemalung stößt seinem wehrlosen, mit ausgekugelten Schultergelenken zehn Zentimeter über dem Erdboden hängenden Opfer immer wieder die Klinge seines Messers in den Bauch.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dann schält er ihm die Augäpfel aus den Höhlen, nimmt sie in die Hände und hält sie dem Kriegsgefangenen vors Gesicht: „Nun guck dich mal gut an, du Stück Scheiße.“ Erst jetzt greift ein Offizier ein und erlöst den Ohnmächtigen mit einem Schuss in die Schläfe. In der Chronologie des Romans spielt sich die Szene ungefähr zur selben Zeit ab, zu der ein mit den Amerikanern verbündeter südvietnamesischer General einem gefesselten Gefangenen in den Kopf schießt. Das während der Tet-Offensive entstandene Foto der Hinrichtung ging damals um die Welt und trug zusammen mit Bildern von entlaubten Wäldern und brennenden Hütten dazu bei, dass sich die öffentliche Stimmung massiv gegen den Vietnam-Krieg zu richten begann.

          Mehr als vordergründiger Gruseleffekt

          Auch bei Denis Johnson hängt die Erschießungsszene mit dem nordvietnamesischen Überraschungsangriff der Tet-Offensive zusammen, bei dem der Sergeant des Aufklärungszuges verstümmelt wird. Erst später wird sich herausstellen, dass es die Signalmunition seiner eigenen Leute war, die ihm die Wirbelsäule zerfetzt hat. Man könnte diese Szene für effekthascherisch halten, für den Versuch, mit den grellen Schockeffekten der Vietnam-Filme wie „The Deer Hunter“ oder „Apocalypse now“ zu konkurrieren. Und tatsächlich leugnet Denis Johnsons Roman nicht, dass sein Autor all diese Bilder kennt und von ihnen beeinflusst ist. Johnson zitiert Coppolas und Ciminos Filme ebenso genüsslich, wie er auf Pynchon, Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ oder Graham Greenes „Der stille Amerikaner“ anspielt.

          Aber in dieser Szene steckt viel mehr als nur ein vordergründiger Gruseleffekt. Denn das Bild des Mannes, dem die Augen herausgerissen werden, damit er sich selbst ansieht, verweist auf das zentrale Thema des Romans, der von Menschen erzählt, die in den Krieg gezogen waren, um ihrer Nation zu dienen, und dort zu Männern wurden, die sich nicht mehr ins Gesicht sehen konnten. Die meisten Figuren dieses außergewöhnlichen Buches bedürfen nicht des Blicks von außen. Sie wissen selbst, dass der Krieg ihre Seele zerstört hat. Johnsons Roman ist der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu geben, die sich vielen heimkehrenden Soldaten aus Vietnam, Irak, Afghanistan oder Tschetschenien stellt: Was genau sieht ein Mann, dem die Augen, die Eingeweide und die Seele herausgerissen wurden, wenn er sich selbst betrachten will?

          Ein halbes Dutzend Figuren schickt Johnson durch den amerikanischen Albtraum der sechziger Jahre, als wären sie Schlafwandler, die nicht mehr aufwachen können: Die Brüder James und William Houston, gerade siebzehn und achtzehn Jahre alt, gehören zu Hause zur Unterschicht, White Trash, der in der Army verheizt wird. Skip Sands lässt sich von der CIA anwerben, ein naiver Idealist, der mit einer gewaltigen Karteikartenregistratur zu den Krisenherden der Welt reist, sich nach Agentenabenteuern sehnt und in seinen Mußestunden Artaud und Cioran übersetzt. Am Ende wird er der paranoiden Welt der Geheimdienste ebenso wenig entkommen wie sein Onkel, der legendäre Weltkriegsheld Colonel Sands, mit dessen Monologen über die wachsende Bedeutung gezielter Desinformation in der psychologischen Kriegführung Johnson eine elegant geschwungene Brücke zum Irak-Krieg unserer Gegenwart schlägt.

          Die paranoide Logik der Geheimdienstwelt

          Während der Colonel, ein Urviech des Kalten Krieges, als Legende Unsterblichkeit erlangt, endet sein Neffe als Waffenhändler in Malaysia am Galgen. Im letzten, im Jahr 1983 spielenden Kapitel des Romans, den Bettina Abarbanell und Robin Detje sorgfältig ins Deutsche übersetzt haben, zeigt Johnson, dass der Krieg keinen, den er einmal in den Fängen hatte, je wieder freigibt. Sergeant Storm, Skips Weggefährte aus Vietnam, erlebt sein bizarres Privatpurgatorium, und die kanadische Krankenschwester Kathy Jones, eine verzweifelt vögelnde Florence Nightingale, wird den Abschiedsbrief ihres aufgeknüpften ehemaligen Liebhabers Skip auf der Damentoilette eines Hotels lesen, bevor sie in den Bankettsaal geht, um Spenden für vietnamesische Waisenkinder zu sammeln.

          Johnson springt wild hin und her zwischen seinen Figuren, widmet sich ihnen mit höchst unterschiedlicher Intensität und wagt abenteuerliche Schnitte. Die Form, die er seinem neunhundertseitigen Riesenwerk gibt, scheint ihn kaum zu interessieren. Als chronologisches Skelett sind den Kapiteln die Jahreszahlen von 1963 bis 1970 (mit einer Koda aus dem Jahr 1983) als Überschriften vorangestellt. Aber das hilft wenig: Streckenweise wirkt das Buch so konsistent wie ein Wackelpudding in der Achterbahn. Halt gibt indes die paranoide Logik, die in der Geheimdienstwelt des Colonels vorherrscht und dem Leser suggeriert, dass auf unbekannte, leider nur unvollständig zu entschlüsselnde Weise alles mit allem zusammenhängt. Oder ist es etwa ein Zufall, dass der schwarze Soldat, der ziemlich genau in der Mitte des Buches den gefangenen Vietnamesen foltert, zu einer Spezialeinheit gehört, die das Tunnelsystem der Vietcong erforschen und lahmlegen soll?

          Wer in den Boden eines Landes eindringt, so hatte der Colonel zuvor erklärt, dringt in das Herz einer Nation ein, in ihre Seele und ihren Mythos. Genau dies sei der Auftrag der Geheimdienste: den Mythos eines Landes zu infiltrieren. Dass es das eigene Land ist, dessen Mythos in Vietnam zerstört wird, wird für Johnsons Figuren früh zu einer bitteren Erkenntnis. Aus ihr speisen sich die Wut, die Einsamkeit und die Verzweiflung, die diesen Roman in seinen besten Momenten so stark vibrieren lassen, dass man ihn kaum in den Händen zu halten vermag.

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