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Denis Johnsons neuer Roman : Wer den Mythos trifft, zerstört das Land

Ein halbes Dutzend Figuren schickt Johnson durch den amerikanischen Albtraum der sechziger Jahre, als wären sie Schlafwandler, die nicht mehr aufwachen können: Die Brüder James und William Houston, gerade siebzehn und achtzehn Jahre alt, gehören zu Hause zur Unterschicht, White Trash, der in der Army verheizt wird. Skip Sands lässt sich von der CIA anwerben, ein naiver Idealist, der mit einer gewaltigen Karteikartenregistratur zu den Krisenherden der Welt reist, sich nach Agentenabenteuern sehnt und in seinen Mußestunden Artaud und Cioran übersetzt. Am Ende wird er der paranoiden Welt der Geheimdienste ebenso wenig entkommen wie sein Onkel, der legendäre Weltkriegsheld Colonel Sands, mit dessen Monologen über die wachsende Bedeutung gezielter Desinformation in der psychologischen Kriegführung Johnson eine elegant geschwungene Brücke zum Irak-Krieg unserer Gegenwart schlägt.

Die paranoide Logik der Geheimdienstwelt

Während der Colonel, ein Urviech des Kalten Krieges, als Legende Unsterblichkeit erlangt, endet sein Neffe als Waffenhändler in Malaysia am Galgen. Im letzten, im Jahr 1983 spielenden Kapitel des Romans, den Bettina Abarbanell und Robin Detje sorgfältig ins Deutsche übersetzt haben, zeigt Johnson, dass der Krieg keinen, den er einmal in den Fängen hatte, je wieder freigibt. Sergeant Storm, Skips Weggefährte aus Vietnam, erlebt sein bizarres Privatpurgatorium, und die kanadische Krankenschwester Kathy Jones, eine verzweifelt vögelnde Florence Nightingale, wird den Abschiedsbrief ihres aufgeknüpften ehemaligen Liebhabers Skip auf der Damentoilette eines Hotels lesen, bevor sie in den Bankettsaal geht, um Spenden für vietnamesische Waisenkinder zu sammeln.

Johnson springt wild hin und her zwischen seinen Figuren, widmet sich ihnen mit höchst unterschiedlicher Intensität und wagt abenteuerliche Schnitte. Die Form, die er seinem neunhundertseitigen Riesenwerk gibt, scheint ihn kaum zu interessieren. Als chronologisches Skelett sind den Kapiteln die Jahreszahlen von 1963 bis 1970 (mit einer Koda aus dem Jahr 1983) als Überschriften vorangestellt. Aber das hilft wenig: Streckenweise wirkt das Buch so konsistent wie ein Wackelpudding in der Achterbahn. Halt gibt indes die paranoide Logik, die in der Geheimdienstwelt des Colonels vorherrscht und dem Leser suggeriert, dass auf unbekannte, leider nur unvollständig zu entschlüsselnde Weise alles mit allem zusammenhängt. Oder ist es etwa ein Zufall, dass der schwarze Soldat, der ziemlich genau in der Mitte des Buches den gefangenen Vietnamesen foltert, zu einer Spezialeinheit gehört, die das Tunnelsystem der Vietcong erforschen und lahmlegen soll?

Wer in den Boden eines Landes eindringt, so hatte der Colonel zuvor erklärt, dringt in das Herz einer Nation ein, in ihre Seele und ihren Mythos. Genau dies sei der Auftrag der Geheimdienste: den Mythos eines Landes zu infiltrieren. Dass es das eigene Land ist, dessen Mythos in Vietnam zerstört wird, wird für Johnsons Figuren früh zu einer bitteren Erkenntnis. Aus ihr speisen sich die Wut, die Einsamkeit und die Verzweiflung, die diesen Roman in seinen besten Momenten so stark vibrieren lassen, dass man ihn kaum in den Händen zu halten vermag.

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