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DDR-Roman von Bernd Wagner : Sachsen liegt am Meer

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Das Buch überzeugt nicht allein durch die Aufarbeitung der in Ost- wie Westdeutschland klischeehaft verzerrten, verdrängten Vergangenheit. Bernd Wagner ist ein Meister in der Kunst, die geschriebene der gesprochenen Sprache anzunähern: von daher die spontane Unmittelbarkeit seines Texts, der die Leser im Handumdrehen in eine fremde untergegangene Welt versetzt. Wagner nimmt die sächsische Mundart beim Wort, indem er den Ortsnamen Grimma auf die Bibel zurückführt – Kain erschlug Abel im Grimme, heißt es dort –, und schreckt auch sonst vor Kalauern nicht zurück, indem er dem Volk aufs Maul schaut und dem derben Dialekt poetische Reize abgewinnt: „In Bennewitz da hats geblitzt, / da sind die Bauern ausgeflitzt. / Da hamse sich ä Haus gebaut / aus Leberwurscht und Sauerkraut.“ Von hier ist es nicht weit zum Russischlehrer Schimanski, der die im Sächsischen häufigen Ortsnamen auf -witz „auf unser aller slawische Herkunft zurückführte, weshalb wir Sachsen im sozialistischen Lager bestens aufgehoben seien“.

„Die Sintflut in Sachsen“

Hinter der oft schockierenden Grobheit – Kinder haben stillzusitzen und den Mund zu halten, selbst intime Gespräche werden im Kommandoton geführt –, hinter der rauhen Schale steckt ein weicher, verletzlicher Kern, ein Wunsch nach Liebe, den die Mutter im Kreise Schmiedehämmer schwingender Männer nie direkt artikuliert. Hier gelingen Wagner Bilder von betörender Schönheit, wenn er schreibt: „Einmal im Winter begegnete ich ihr auf dem Weg zum Abort, als sie im Nachthemd aus dem Waschhaus lief. Wie sie dampfte!“

„Die Sintflut in Sachsen“, durch die Gerhard Schröder in Gummistiefeln watete, um Linkspartei und CDU Stimmen abzujagen, ist ein selbstkritischer Heimatroman ohne modische Ostalgie und identitäre Deutschtümelei. Als das Hochwasser Wurzen erreicht, wo die Wagners mit Bratwürsten, Bier und Schnaps der verstorbenen Mutter gedenken, treibt der Erzähler durchs Fenster der Gastwirtschaft ins offene Meer hinaus. Ein passender Schluss – buchstäblich und im übertragenen Sinn.

Der vorliegende Roman reiht sich ein in eine Serie bedeutender Bücher, die das Aufwachsen in der DDR und die Flucht in den Westen schildern, und es ist kein Zufall, dass sie – von Helga Novak und Guntram Vesper bis zu Gert Loschütz – im Frankfurter Schöffling Verlag erschienen. Kindheit und Jugend sind Goldminen der Literatur, prägende Erfahrungen, wie sie nur ein Betroffener glaubhaft schildern kann; der Autor ist hier ganz bei sich selbst. Literarisch anspruchsvoll und höchst vergnüglich schreibt Bernd Wagner diese Tradition fort und macht den Alltag der deutschen Teilung auch für später Geborene nachvollziehbar.

Bernd Wagner: „Die Sintflut in Sachsen“. Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2018. 432 Seiten, geb., 24,– .

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