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David Wagners Vaterbuch : David (Sohn) kommt morgen gegen Mittag

Wenn die Konturen der Welt verschwimmen: In einer Serie von Gemälden folgte William Turner im frühen neunzehnten Jahrhundert dem Rhein Bild: Digital Image: Yale Center for B

Wenn jede Begegnung zur Fremdheitserfahrung wird: David Wagner schreibt in seinem Vaterbuch virtuos und tapfer gegen das große Vergessen an.

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          Er nennt ihn Freund. „Woher kommst du, Freund?“, sagt er, „Was machst du hier, Freund?“ oder „Du hast dich auch nie sehen lassen, Freund“. So geht es ein ums andere Mal, in mitunter enervierender Endlosschleife. Die Anrede lässt zwar auf Vertrautheit schließen, auf große Nähe, und das trifft auf die Beziehung der beiden zweifellos zu, nur ist die Formel hier vor allem ein Mittel der Verhüllung, denn es gilt etwas zu verbergen: Der Angesprochene ist nämlich kein Freund, sondern der eigene Sohn. Und der Vater spricht ihn so an, weil er anders nicht kann. Er hat seinen Namen vergessen, den Namen, den er einst mit so viel Bedacht ausgewählt hat.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          David Wagner erzählt in seinem Buch „Der vergessliche Riese“ über die fortschreitende Demenz seines Vaters. Als er wieder einmal in der Seniorenresidenz am Rhein mit Drachenfelsblick eintrifft, findet er im Appartement des Vaters einen Zettel vor: „David (Sohn) kommt morgen, 24.12. Gegen Mittag“. Erst ist es nur der Name, der dem Vergessen anheimfällt, irgendwann ist es der Mensch selbst, den der Kranke nicht mehr erkennt. Die Welt um ihn herum wird ihm zum Rätsel, sie entschwindet im diffusen Nebel, und was folgt, ist große Verunsicherung, denn auf nichts ist mehr Verlass, sondern jede Begegnung wird vielmehr zur Fremdheitserfahrung, jede noch so banale Alltagshandlung zum unergründlichen Ereignis.

          Paradigmatische Krankheit

          So weit ist die Demenz von Wagners Vater noch nicht vorangeschritten, doch seine drei Kinder wissen, was ihnen bevorsteht und dass es sich nicht aufhalten lässt. Dass der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller David Wagner sich jetzt mit dieser familiären Erfahrung schriftlich auseinandergesetzt hat, ist kein Wunder. Denn es ist nicht nur eine existentielle Erfahrung für die Angehörigen, sondern in unserer alternden Gesellschaft auch eine paradigmatische Krankheit und vielfach beschrieben; ob als Roman in Jonathan Franzens „Korrekturen“ oder als persönliche Auseinandersetzungen wie bei Tilman Jens oder Arno Geiger.

          David Wagner
          David Wagner : Bild: Jens Gyarmaty

          Auffällig an allen diesen Büchern ist, dass sie fast immer aus der Vater-Sohn-Perspektive entwickelt sind. Womöglich ist es für Söhne noch einmal von anderer Relevanz als für Töchter, wenn der Vater, die dominante Figur, sich zusehends zum hilflosen, kindlich-schwachen Mann zurückverwandelt. Wagners Vaterstudie macht dies an einer Szene besonders deutlich, die beschreibt, wie der Sohn die Hand des Vaters nimmt und feststellt, dass sie sich „wieder wie eine Kinderhand anfühlt, „dabei war sie mal die größte Hand der Welt“.

          Über den erzählten Zeitraum von etwa drei Jahren fährt Wagner regelmäßig nach Nordrhein-Westfalen. Davor hatten die beiden sich über zwei Jahrzehnte hinweg kaum gesehen, jeder war mit seinem eigenen Leben beschäftigt. Mit seiner zweiten Frau Claire hatte der Vater eine Beratungsfirma, die das Paar um die halbe Welt führte, während sein Sohn sich in den Neunzigern in Berlin niederließ, Schriftsteller wurde, eine Tochter bekam. Erst nach Claires Tod findet er seine Rolle als Sohn im Gefüge der Herkunftsfamilie wieder, die er fast vergessen hatte.

          Komik und Drastik

          Das Buch kommt ohne Genrebezeichnung aus, es ist also anzunehmen, dass es sich um keinen fiktiven Stoff handelt. Ein Sachbuch aber hat Wagner auch nicht verfasst, denn wissenschaftliche Erkenntnisse und Thesen fehlen. Wagner beschreibt vielmehr, was er sieht, wie er fühlt und woran er denkt, und vor allem lässt er sein Personal ausführlich zu Wort kommen. Mehr als die Hälfte des Textes ist in wörtlicher Rede verfasst, was dem Geschilderten große Unmittelbarkeit verleiht, sowohl in der Komik wie auch der Drastik.

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