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Comic „Unsichtbare Hände“ : Reise ins Reich der leeren Versprechen

Fünf Jahre lang arbeitete der finnische Comic-Autor Ville Tietäväinen an seinem Flüchtlingsepos „Unsichtbare Hände“ gearbeitet. Bild: avant-verlag

Während die einen noch von Europa träumen, sind die anderen schon in Illegalität, Verzweiflung und Elend angekommen: Ville Tietäväinens mitreißender Comic über das Schicksal von Flüchtlingen.

          3 Min.

          Das Thema dieses Comics ist so gewaltig, da kann sein ohnehin schon stattliches Format gar nicht mithalten. 215 großformatige Seiten bersten schier vor Sehnsucht - nach einem neuen Land, nach Liebe, nach Gerechtigkeit, nach Anerkennung. Der Protagonist heißt Rashid, in einer marokkanischen Küstenstadt findet er ein kärgliches Auskommen als Näher, seine Frau ist unglücklich, die kleine Tochter krank. Und nur wenige Dutzend Kilometer entfernt liegt Europa, das Ziel all jener, die wie Rashid ihres eigenen Glückes Schmied sein wollen, doch in der Heimat nicht mehr das nötige Feuer dafür finden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Fünf Jahre lang hat der finnische Zeichner Ville Tietäväinen an dieser Geschichte gearbeitet, die den Titel „Unsichtbare Hände“ trägt. Ausgiebige Recherchereisen führten ihn nach Marokko und Spanien, er besuchte Elendsquartiere in beiden Ländern, denn die Notleidenden aus Afrika bleiben meist auch in Europa arm, wo sie auf den spanischen Plantagen illegal schuften müssen, um die Kosten für ihre Überfahrten abzuzahlen.

          Einige kommen auch als Schmuggler, denn wer sich als Drogenkurier hergibt, zahlt nur die Hälfte. Doch immer noch sind die Preise der Schlepper so hoch, dass den Wagemutigen nicht mehr mitzunehmen bleibt als das, was sie auf der Haut und im Herzen tragen.

          Auszeichnung mit dem höchsten Kulturpreis Finnlands

          Tietäväinen sprach mit solchen Unglücklichen. Er sprach mit Helferorganisationen, aber auch mit denen, die am Menschentransport über die Straße von Gibraltar verdienen. Vor drei Jahren erschien sein Comic in Finnland und wurde mit dem höchsten Kulturpreis des Landes ausgezeichnet.

          Ville Tietäväinen Flüchtlings-Comic ist im März im Avant-Verlag erschienen

          Jetzt erscheint er auf Deutsch. Die Rolle Finnlands als Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse machte es möglich, die aufwendige Übersetzung durch das Finnische Literaturinstitut bezuschussen zu lassen, und der Avant-Verlag nutzt diese Finanzspritze für eine eigene Förderung: Zwei Euro pro verkauftes Buch gehen an die Hilfsorganisation Pro Asyl. Mit 35 Euro ist der Band nicht billig, doch es handelt sich um ein aufwendig gedrucktes Werk, dessen dunkle Farbskala von Blaugelb über Grüngelb zu Braungelb in so vielen Schattierungen angelegt ist, dass höchste Sorgfalt nötig war.

          Leichte Kost ist dieser Comic nicht. Er lässt kaum Hoffnungsschimmer zu, auch wenn er mit muslimischen Gebeten beginnt und schließt - einmal gesprochen auf der Überfahrt in nächtlicher See, dann von der Spitze der Kolumbus-Säule in Barcelona aus. Rashid hat seinen Weg nach Spanien und durchs Land gefunden, doch alle seine Erwartungen sind enttäuscht worden.

          Erschütternde Lektüre über den Handel mit menschlichem Leid

          Leichte Kost darf dieser Comic aber auch nicht sein. Die Situation der afrikanischen Flüchtlinge im Mittelmeer hat sich seit dem ursprünglichen Erscheinen von Tietäväinens Buch noch verschärft, doch eines hat sich nicht verändert und wird sich nicht verändern: die Skrupellosigkeit der Schlepper, die im Notfall nur diejenigen Menschen ihrer Fracht schützen, die sich verschuldet haben oder Drogen transportieren, weil da noch andere Interessen berührt sind.

          Düstere Farben zu einem erschütternden Thema: Dieser Comic ist keine leichte Kost - das darf er aber auch nicht sein.

          Vor allem übrigens europäische Interessen, denn das Haschisch geht genauso in die hiesigen Städte wie das billige Gemüse, das die illegal und folglich billig beschäftigten Nordafrikaner in Spanien anbauen. Die entsprechenden Passagen sind erschütternd zu lesen, weil Tietäväinen die zynischen Mechanismen am Bodensatz der Wohlstandsgesellschaft genauso kalt in seine Handlung einbezieht wie die bittere Not in den Herkunftsländern, die auch das Schlechteste in vielen Menschen hervorbringt.

          Die Überfahrt vom Beginn des Comics wird man nicht mehr vergessen, so eindrucksvoll ist sie gezeichnet. Danach springt die Handlung zurück, in die marokkanische Hafenstadt, so dass wir nun erst erfahren, wer die armen Teufel waren, um die wir bereits gebangt haben. Auf Seite siebzig ist Rashid dann in Europa angelangt, und wir folgen ihm drei Jahre lang bei seinen Bemühungen, sich durchzuschlagen und dabei auch Geld nach Hause senden zu können.

          Himmlisch entrückte Blickwinkel auf eine höllische Realität

          Doch noch faszinierender als die Dokumentation dieser Handlungen ist die stets mitlaufende Diskussion unter den Marokkanern über die Verheißungen Europas. Hierin liegt die originäre Leistung Tietäväinens, die seinen Comic aus der Fülle europäischer Perspektiven auf das mediterrane Flüchtlingselend hinaushebt. Und immer wieder nimmt das Buch auch eine scheinbar objektive Sicht ein, wenn Einzelbilder aus großer Höhe gezeichnet sind, als himmlisch entrückte Blickwinkel auf eine höllische Realität.

          Schwächen hat „Unsichtbare Hände“ durchaus. Die Traumsequenzen sind effekthascherisch, die Rollenverteilung der Protagonisten ist schematisch, auch betreffs ihres Erscheinungsbilds. Und die Intensität des Beginns wird weder inhaltlich noch graphisch wieder erreicht.

          Aber das alles ändert nichts daran, dass hier eine fiktive Geschichte erzählt wird, die durch das ihr zugrundeliegende Material leider beglaubigt ist. Und dass die Anschaulichkeit eines Comics uns das Schicksal von Menschen wie Rashid besonders nahebringt - Menschen, die nach Hunderttausenden zählen, doch hier exemplarisch gewürdigt werden in ihrer Hoffnung und Verzweiflung.

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