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Chronik des 30. April 1945 : Der letzte Werktag des Dritten Reiches

Osterode im Harz am 30. April 1945. Nicht weit davon entfernt erlebte Alexander Kluge den Tag als Dreizehnjähriger. Bild: ullstein bild

Wie reagierte die Börse in New York an dem Tag, als Adolf Hitler sich erschoss? Alexander Kluge hat die faszinierende Chronik des 30. April 1945 verfasst: 24 Stunden, die unvergesslich bleiben.

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          In letzter Zeit hört man wieder viel von Alexander Kluge. Gerade lief ein neuer Essayfilm von ihm – „Die Eröffnung der Zivilisation aus Paradies und Terror und das Prinzip Stadt“ – zur Eröffnung eines Symposions im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Nur ein paar hundert Meter weiter, im Fernsehmuseum am Potsdamer Platz, wird die Ausstellung „70000 Jahre wie ein Tag“ gezeigt, in der Kluge die Menschheitsgeschichte auf seine übliche verspielt-vertrackte Art mit der Geschichte des Fernsehens kurzschließt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und jetzt erscheint auch noch ein neues Buch von ihm, nüchtern und vielsagend „30. April 1945“ betitelt – ein Jahr vor der siebzigsten Wiederkehr jenes Tages, an dem sich Hitler erschoss, also eben nicht zum Jubiläum, sondern im rückblickenden Vorgriff darauf, wie es dem Quer- und Seitendenker Kluge entspricht.

          Dem Rad der Geschichte in die Speichen greifen

          Es geht, wie so oft bei Kluge, um den Krieg und das, was er aus den Menschen macht: Flüchtlinge, Mörder, Selbstmörder, Träumer, Pragmatiker, Hoffende, Verzweifelte. Der 30. April 1945, ein Montag, ist für ihn „der letzte Werktag des Dritten Reiches“, was zwar nur dann stimmt, wenn man den 2. Mai, den Tag der Kapitulation Berlins, als Endpunkt der nationalsozialistischen Herrschaft ansetzt; aber für Kluges Denken und Schreiben ist der Werktagsgedanke zentral. Denn seine Bücher, von der 1964 erschienenen Stalingrad-Epopöe „Schlachtbeschreibung“ bis heute, schildern keine hilflos duldenden, resigniert sich in ihr Schicksal fügenden Opfer. Sie handeln von Menschen, die sich gegen den Lauf der Dinge stemmen, die dem Rad der Geschichte in die Speichen greifen, auch wenn es sie zermalmt.

          Noch Ende April 1945 beispielsweise finden sich deutsche Truppenteile zu einem Panzervorstoß gegen die Alliierten im Südharz zusammen: „Die Aktion hätte in einem Manöver der Reichswehr von 1934 Lob geerntet und machte den Beteiligten auch jetzt eine letzte Freude.“ Kurz darauf werden die Angreifer in einem Hinterhalt vernichtet. Aber ihr Tun ist bei Kluge dennoch nicht vergebens, denn es illustriert den menschlichen Charakter.

          140 Jahre und ein Tag

          Das Manöverdenken, das Planen nach eingeübten Mustern, hört auch im Angesicht der Katastrophe nicht auf. Die Lastwagen voller veralteter Einsatzbefehle, die in diesen Apriltagen auf den Straßen des sterbenden Deutschen Reiches unterwegs sind, fahren neben der Realität her, sie bewegen sich „in einem Raum mit negativer Zeit“. Aber die Gedanken, die sie transportieren, sind dennoch real. An dieser Stelle setzt Kluges erzählerische Neugier ein. Wovon handelten die Planspiele des Generalstabs? Was empfand Thomas Mann, als er in Pacific Palisades in der Zeitung vom Todessturz eines Schweizer Knaben las? Woran dachte der britische Sergeant, im Zivilleben Schlosser, als er den Marschallsstab seines deutschen Gefangenen zerbrach? Was ging dem Kriegsheimkehrer durch den Kopf, der mit einem Bauchschuss im Gebüsch lag?

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