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Deutschlands Inneres : Nicht hinter jeder Wand lauert eine Bestie

  • -Aktualisiert am

Wovon träumt der Seifenigel? Der Fotograf Christian Werner zeigt Deutschlands Innerstes. Bild: Kerber Verlag

BRD noir oder Retro-Chic? Der Fotograf Christian Werner ist den vermeintlich harmlosen Alltagsobjekten der alten Bundesrepublik auf der Spur.

          Dieser prächtig ausgestattete Band schafft eine eindrucksvolle ästhetische Erfahrung. Er hält in den Farbfotografien von Christian Werner tatsächlich einen verdichteten Moment bundesrepublikanischer Geschichte fest: Wir blicken in ein westdeutsches Haus, das in den sechziger Jahren nahe Paderborn gebaut wurde. Wir sehen es genau so, wie der letzte Bewohner es nach seinem Tod im Jahr 2014 hinterließ, mit einer angebrochenen Schachtel Käsestangen noch auf dem Schrank.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir schauen in jeden Winkel dieses Hauses, sehen die schmiedeeiserne Garderobe, das Häkelbild an der Wand, das braune Cordsofa, den Brotkasten mit Blumenmotiv, die kleine Gießkanne, deren Bauch seltsamerweise mit Holzfurnier umkleidet ist, die Speisekammer mit Dosenfisch, Maggi-Suppen und Puszta-Salat und vor allem: den Partykeller mit Fototapete.

          Der Teppichfransenkamm oder der Müll der Geschichte

          Die „Inventur des Hauses von Herrn und Frau B.“ offenbart Möbel, Gegenstände und architektonische Ideen, die heute vielen als schrecklich gelten. Dazu liefert der Band auch noch einige kurze literarische Essays, die das Inventar der Spießigkeit beträchtlich erweitern: Kannte man bislang vielleicht schon Jägerzaun oder „Gelsenkirchener Barock“, liest man nun auch die Typologie der Marmortischplatte, des Sonntagsgeschirrs, des Messing-Rauchglases und eben des Partykellers.

          Das ist stellenweise auch amüsant, etwa wenn der Schriftsteller und Designer Rafael Horzon in einem ironisch-spielerischen Text beschreibt, wie eigentlich er den Teppichfransenkamm erfunden habe - ein Werkzeug, von dem vielleicht nicht jeder wusste, dass es tatsächlich existiert, aber auch dafür gibt es hier ein erstaunliches Beweisbild. Oder wenn Timo Feldhaus in einer Betrachtung über den CD-Ständer, der im Zuge der Digitalisierung ja fast schon wieder auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, eine „Melancholie der Zwischenexistenz“ entdeckt (in Herrn B.s Fall musikalisch bestückt mit „Viva Hits 13“, „Chöre der Welt“, „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ und „Wir machen durch bis morgen früh“).

          Die „betenden Hände“ im Hause des Herrn B. Bilderstrecke

          Deutschlands dunkle Seiten

          Aber trotzdem gerät diese Publikation etwas auf die schiefe Bahn. Vorangestellt ist ihr ein kurzer Text des Historikers Philipp Felsch, der besonders durch sein Buch „Der lange Sommer der Theorie“ bekannt geworden ist.

          Felschs Eingangswort trägt den Titel „BRD noir“ – ein Begriff, den er zuerst in einer Rezension im vergangenen Herbst verwendete. Es geht diesem Begriff um die Abgründe hinter vermeintlich harmlosen bundesrepublikanischen Dingen. „Was verbargen die abwaschbaren Kachelfassaden der Kölner Nachkriegsarchitektur?“, fragte Felsch damals. „Reichte die schwarze Pädagogik der Nazis nicht viel tiefer als bisher angenommen in die Nachkriegszeit hinein?“ Nun variiert er diese Vermutungen: Jüngst ist unter dem Begriff „BRD noir“ ein Gespräch zwischen ihm und dem Buchpreisträger Frank Witzel, seinerseits Spezialist für Deutschlands dunkle Seiten, als Buch beim Verlag Matthes & Seitz erschienen. Darin wird erörtert, warum wir die alte Bundesrepublik heute „nicht als heiles, sondern als versehrtes Land imaginieren“.

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