https://www.faz.net/-gr0-7qhxk

Chodorkowski über das Straflager : Das Recht ist eine verbotene Zone

Unbestechlicher Blick auf die russische Parallelgesellschaft der Lager: Michail Chodorkowski bei der Vorstellung seines Buchs in Berlin Bild: Pein, Andreas

Im Lager kann hier jeder enden: Michail Chodorkowskis Porträts seiner Mitgefangenen sind ein Appell gegen Gleichgültigkeit und bestürzendes Zeugnis einer korrupten Justiz und Polizei in Russland.

          3 Min.

          In diesem schmalen Büchlein über die Straflager und Gefängnisse von heute ist halb Russland versammelt, mindestens, jedenfalls könnte man es so sehen. Denn schon in seinem (extrem kurzen) Vorwort deutet Michail Chodorkowski an, warum: weil es jeden erwischen kann, die oben wie die unten. Weil Willkür herrscht und Erbarmungslosigkeit und sich keiner sicher sein darf, nicht doch unschuldig ins Gefängnis geworfen zu werden, all sein Hab und Gut zu verlieren und schlimmstenfalls das Leben. Darum sei „ anständiges Verhalten keine besonders überzeugende Verteidigung“ vor Gericht, schreibt Chodorkowski für russische Leser, die vielleicht doch glauben, ihnen könnte das nie zustoßen, da sie weder klauen noch erpressen.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          „Meine Mitgefangenen“ versammelt die Kolumnen, die der einstige Oligarch und Putin-Kritiker während seiner Haftjahre für die regierungskritische russische Zeitschrift „The New Times“ geschrieben hat. Dass er die Buchpremiere in Freiheit erleben würde, hatte eigentlich niemand erwartet. Im Gegenteil, kurz vor seiner überraschenden Freilassung im Winter verdichteten sich Gerüchte, Moskau bereite einen dritten Prozess gegen ihn vor. Dass ihm seine scharfe Kritik, seine schonungslose Offenheit irgendwie schaden könnten, hat den schreibenden Häftling Chodorkowski offenbar nie umgetrieben. Wer ihm schaden wollte, würde ihm schaden, so oder so. Ob er brav und duldsam alle Zumutungen ertragen würde oder aufbegehrte, das Drehbuch für die nächste Runde im ersten oder letzten Kreis der Hölle oder auch für die Freilassung schrieben andere, ohne ihn, ohne Intervention von außen.

          Ein Akt der Selbstvergewisserung

          Michail Chodorkowskis kurze, präzise Porträts über seine Mithäftlinge – Spitzel, Bauern, Unternehmer, Banditen, Junkies, Diebe, Nazis und Unschuldige – sind Parabeln des Schreckens und des Mitgefühls aus den Straflagern Sibiriens und Kareliens. Rechtsfreie Räume, die entweder von Kriminellen beherrscht werden oder, was noch furchtbarer sei, von der bürokratischen Gesetzlosigkeit. Es ist eine real existierende parallele Welt, aus der selten Nachrichten dringen, in der Wahnsinn und Willkür hingenommen werden als das scheinbar Normale, das nur so zu ertragen ist und nur so Hoffnung zulässt. Über sich selbst gibt Chodorkowski kaum etwas preis, allenfalls sein klarer, unbestechlicher Blick auf die Verhältnisse und seine Mitmenschen verraten einen sensiblen Beobachter und brillanten Analytiker sozialer Zustände. Nur hier und da streut er in seine Miniaturen auch moralische Appelle an die russischen Leser ein, weil er den Zusammenbruch der ruinierten Gesellschaft fürchtet, in der „Gleichgültigkeit zur Norm geworden ist“.

          Wo es möglich ist, dass ein sehr junger, einfacher Mann eingesperrt wird, weil seine Freundin minderjährig ist, eine von deren Eltern geduldete, beschützte Liebe. Doch gleichzeitig läuft eine „Kampagne gegen Pädophilie“, die Miliz muss Erfolge melden, da nimmt man, was man kriegt, und weder die verhinderte Braut noch die Eltern, nicht einmal die Richterin können den Wahnsinn aufhalten. Nach zwei Lagerjahren gibt Alexej das Mädchen frei: „Warte nicht mehr auf mich.“ Er fügt sich in sein russisches Schicksal, „in seinem Blick hat die Verzweiflung feste Wurzeln geschlagen“.

          Die alltägliche Korruption ist ein bekanntes Phänomen. In Chodorkowskis Porträts bekommt sie menschliche Züge, schockiert, weil er uns in einer ruhigen, genauen Sprache vorführt, was das für einen Menschen bedeutet, der unversehens in deren Strudel gerät, aber kein Geld für Bestechungen hat. Artjom zum Beispiel, ein Bauingenieur, wurde gebeten, seine Chefs zu vertreten, als diese urplötzlich „verreisen“. Er ahnt nicht, dass die beiden Schurken auch das Investorengeld mitgehen ließen. Arglos geht er zur Polizei, zeigt sie an, wird weggeschickt und ist wenig später der einzige, der Hauptschuldige vor Gericht. Hätte er selbst etwas abgezweigt, die Miliz wäre zu bestechen gewesen. Aber er beharrt auf seiner Unschuld, was die Strafe noch erhöht.

          Michail Chodorkowski: „Meine Mitgefangenen“
          Michail Chodorkowski: „Meine Mitgefangenen“ : Bild: Galiani Verlag, Berlin

          Im Gefängnis will Artjom die anderen überzeugen, aber die, schreibt der Autor, haben dafür weder Zeit noch Kraft, denn „hier hat jeder Zweite so eine Geschichte“. Eines Nachts versucht Artjom, sich das Leben zu nehmen. Chodorkowski beschreibt, wie er ihn findet und am Strick hochzuheben versucht, bis ihm andere helfen. Artjom gerettet? Die Anstaltsleitung mag Selbstmörder nicht, schlecht für die Statistik. Darum heften sie Artjom das Stigma „Suizident“ auf die Brust, stecken ihn in den Karzer und verweigern die vorzeitige Entlassung.

          Ein anderer wird zum Mörder gemacht, weil sie gerade einen brauchen. Ein Häftling wurde zu Tode geprügelt vom Anstaltspersonal, ein ehemaliger „Finanzberater“, der Bestechungsgelder von Polizistenschwarzkonten auf sein eigenes umgeleitet hatte, kommt da gerade recht. Und obwohl der Angeklagte in einem anderen Lager weit weg saß, als der Mord geschah, wird er schuldig gesprochen. Alles, was für ihn spricht, wird ignoriert, Indizien wie Gutachten. Nur zwei bestochene Zeugen zählen für den Richter, der das weiß, und „fertig ist der Schuldspruch“.

          Korrupte Polizisten und Ankläger, Gefängnisverwaltungen, die selbst urteilen und Entlassungen verhindern oder sie genauso willkürlich unvermutet zulassen – das ist Chodorkowskis Welt gewesen bis vor kurzem. Er behauptet nicht, sich moralisch verpflichtet gefühlt zu haben, diese Geschichten aufzuschreiben. Es war wohl eher ein Akt der Selbstvergewisserung, dass er noch fühlte, was er sah. Und da draußen, in der anderen, der gleichgültigen russischen Welt, gab es seiner Ansicht nach immer noch zu viele Menschen, die an das ehrlose System der russischen Justiz glauben.

          Weitere Themen

          Der Kardinal aus Köln

          Hanks Welt : Der Kardinal aus Köln

          Joseph Höffner wusste noch, dass Katholizismus und Kapitalismus gut zusammenpassen. Wir sollten besser auf ihn als auf Papst Franziskus hören.

          Topmeldungen

          Terror in Nizza : Rausch des islamistischen Nihilismus

          Nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty durch einen Islamisten wurde die Stimmung aufgeheizt. Auch durch Boykottaufrufe gegen Frankreich in islamischen Ländern. Doch ein Pauschalverdacht gegen alle Muslime ist falsch.

          Der Papst und die Satire : Mit der Faust zuschlagen

          Der Muslimische Ältestenrat will das Magazin „Charlie Hebdo“ wegen der Mohammed-Karikaturen verklagen. Zeichnungen wie diese gefallen auch Papst Franziskus nicht. Da gibt es einen gefährlichen Schulterschluss.
          Die Parteizentrale der CDU in Berlin

          Streit über CDU-Parteitag : Tricksereien und spaltende Entgleisungen

          Die drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz müssen einen gemeinsamen Vorschlag für Wahlformat und Wahltermin vorlegen. Nur so wird der Sieger die Partei zusammenzuhalten können. Ein Gastbeitrag des Vorsitzenden der Jungen Union.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.