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Streitschrift zum Gedenken : Normalisierung steht unter striktem Verdacht

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Alles in Einem: Lyriker, Theaterautor, Kurator und Politikwissenschaftler Max Czollek. Bild: EPA

Politischer Battle-Rap: Max Czollek attestiert in einer Streitschrift der deutschen Erinnerungskultur fatale Motive und Folgen.

          In ihrer Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels führten Jan und Aleida Assmann zum feierlichen Abschluss der Frankfurter Buchmesse aus, dass allein die nationalsozialistische Geschichte „beschämend“ sei, „nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen“. Wer aber war und ist das „wir“, in welche die medial und körperlich Anwesenden, die eingangs als „Paulskirchengemeinde“ adressierte Öffentlichkeit einbezogen wurden? Und wer sind die Opfer der Geschichte?

          Der Lyriker, Theaterautor, Kurator und Politikwissenschaftler Max Czollek wüsste diese Frage zu beantworten. Mit seinem Buch „Desintegriert Euch!“ dürfte er während der Buchmesse beinahe ebenso viele Interviews, Radio- und Fernsehtalks absolviert haben wie die Träger des Friedenspreises. Den Ausgangspunkt seiner Streitschrift bilden hingegen nicht die Ausführungen von Jan und Aleida Assmann und ihr Credo: „Wahr ist, was uns verbindet!“ Max Czollek entwickelt vielmehr eine Argumentation zu einer popkulturellen Haltung, in der ‚wahr‘ ist, was ‚uns‘ trennt. Er stützt sich dabei auf Y. Michal Bodemanns Buch „Gedächtnistheater: Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung“, in welchem der Soziologe ausführt, dass in der Bundesrepublik Deutschland eine Form des öffentlichen Gedenkens entstanden sei, welches „Juden als still leidende Opfer“ erinnere und sich qua Identifikation von der historischen Schuld befreien wolle.

          Battle-Rap der Politik

          Diese Kritik am instrumentellen Charakter der Vorstellung, dass die Erinnerung an die deutsche Geschichte befreiend sein könne, schreibt Czollek fort, indem er etwa argumentiert, dass die Funktion des Gedächtnistheaters sei, „das Versprechen auf Versöhnung für die deutsche Gesellschaft einzulösen“. Der Idee einer „Befreiung“ vom nationalsozialistischen Regime und Erbe, die er unter anderem anhand der Bundestagsrede von Richard von Weizäcker am 8. Mai 1985 diskutiert, hält der Autor die Perspektive des Sieges über die Nationalsozialisten entgegen, die mit den russischsprachigen Emigranten Einzug in die jüdischen Gemeinden Deutschlands hielt. Das „wir“ seines Textes unterscheidet sich nicht nur von der „Paulskirchengemeinde“, sondern geht sie frontal an: Die Idee einer ‚befreienden Erinnerung‘ berge die „Behauptung einer Läuterung“ von nationalsozialistischen Erblasten und führe zu einer Normalisierung des deutschen Selbstverständnisses, die sich insbesondere im Sommermärchen von 2006 gezeigt habe.

          Czolleks Pamphlet gegen politische Reden, Entscheidungen und Strategien, die in derartigen Erlösungs- und Normalisierungsphantasien münden, geht aber noch weiter. Es macht ihr Ergebnis, die deutsche Erinnerungskultur, auch für die „Rückkehr nationaler und völkischer Diskurse“ verantwortlich, die sich nunmehr gegen sie selbst zu wenden beginnen. Mit dieser steilen und weit über Bodemann hinausgehenden These verlässt der Autor das Terrain zeithistorisch oder soziologisch fundierter Argumentation und betritt ein anderes, nur noch in Teilen sachlich erschlossenes Gebiet, das vom performativen Charakter seines Textes unterstrichen wird: Battle-Rap.

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