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Streitschrift zum Gedenken : Normalisierung steht unter striktem Verdacht

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An dieser Stelle geht es nicht mehr darum, die historische Genese verschiedener Gedächtniskollektive und deren Unvereinbarkeit darzulegen, sondern den deutschen Leserinnen und Lesern, der ‚Paulskirchengemeinde‘, ja, weiter noch, „den Deutschen“ als Master of Ceremonies eine, in Czolleks Worten, „ganz schön fette Rübe“ in den staunenden Rachen zu werfen: „Plötzlich wollen halt alle wieder sagen, wie toll sie sich als Deutsche fühlen. Darum nenne ich sie in diesem Buch aus so: die Deutschen. Und möchte noch mal festhalten, dass diese Deutschen sich in der Mehrheit so verhalten, als knüpften sie an die Geschichte der Nazitäter/innen an.“

Unverfroren und streitbar

Ob und inwieweit die Schwarzweiß-Argumentation dieser und anderer Zeilen den hitzigen Diskursen und nervösen Identitätsdebatten unserer Tage nicht eher zuspielt, anstatt sie, wie gewünscht, zu dekonstruieren, sei dahingestellt. Im politischen Pamphlet von Czollek dient diese Strategie vor allem dazu, dem vermeintlich universalen „wir“ der deutschen Gesellschaft und deren Integrationsforderung eine selbstbewusste Integrationsverweigerung entgegenzuhalten. Der Schlachtruf des Titels, „Desintegriert Euch“, richtet sich daher an einen anderen, uneinheitlichen und diversen Adressatenkreis, nämlich: „Wir, das sind Muslim*innen und Queers, Juden und Jüdinnen, Großstadtnihilist*innen, Säkularist*innen und Mitglieder der Kirche des fliegenden Spaghettimonsters, die nicht nur in einer anderen Gesellschaft leben wollen, sondern die auch heute schon in einer anderen Gesellschaft leben. (...) Um das noch einmal zusammenzufassen: Wer sich ein Deutschland ohne Muslim*innen wünscht, der wünscht sich auch ein Deutschland ohne Juden und Jüdinnen.“

Das Buch von Max Czollek verdankt seine Sichtbarkeit nicht zuletzt dieser Plazierung der jüdischen Perspektive als Zentrifugalkraft inmitten eines Manifests zur Anerkennung gesellschaftlicher Diversität. Ebendiese Perspektive eröffnet einen anderen Blick auf jüdische Zeitgeschichte seit 1945, der von den geplanten Rachefeldzügen des Partisanenführers Abba Kovner über die Frankfurter Bühnenbesetzung im Zuge der Fassbinder-Kontroverse bis hin zur pluralen jüdischen Gegenwart schweift. Hier wird eine sich beschleunigende Rückkehr jüdischen Lebens in die deutsche Öffentlichkeit sichtbar. „Wir sind zurück“, konstatiert Max Czollek und schreibt damit die gesellschaftspolitische Positionierung fort, die er und seine Freundinnen und Freunde bereits mit dem Desintegrations-Kongress am Maxim-Gorki-Theater vor zwei Jahren und der Zeitschrift „Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart“ vorgenommen haben.

Im Zentrum dieses Manifests wird mithin eine Vielstimmigkeit junger Jüdinnen und Juden in Deutschland sichtbar, die die ihnen begegnenden Erwartungen und Nachwirkungen des nationalsozialistischen Massenmords in eine Kampfansage verwandeln: Wir sind da, und wir sind viele – aber anders, als ihr denkt. Unverfroren und streitbar. Laut und sexy.

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