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Buch über Populismus in Europa : Alternative Fakten sind halt origineller

Urgespann des europäischen Populismus im 21. Jahrhundert: Beppe Grillo (l.) mit dem Internetunternehmer und Parteistrategen Gianroberto Casaleggio Bild: Picture-Alliance

Klartextredner sind oft die größten Opportunisten: In seinem Buch „Ingenieure des Chaos“ präsentiert Giuliano da Empoli einleuchtende Erklärungen für den Erfolg von Rechtspopulisten.

          4 Min.

          Das Buch des früheren Politikberaters Giuliano da Empoli beginnt etwas enttäuschend. Nach einem Einleitungskapitel, in dem Goethes Beobachtungen beim Karneval in Rom recht abrupt zu der These führen, der Karneval habe sich heute „als neues Paradigma in der globalen Politik“ erwiesen, versucht der Autor im folgenden Kapitel die italienische Hauptstadt als „das Silicon Valley des Populismus“ darzustellen. Doch die Überzeugungskraft dieser starken Behauptung wird dadurch geschmälert, dass sie von Trumps früherem Berater Steve Bannon stammt, mit dem sich der Autor irgendwann nach dessen Rauswurf in Washington am Tiber getroffen hatte, noch bevor dessen Pläne einer „Internationalen der Nationalisten“ kläglich scheiterten.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit kurzem ist Bannon sogar wegen des Verdachts auf Betrug angeklagt. Und auch die Tatsache, dass sein damals enger Vertrauter Matteo Salvini mit seinem international vernetzten Populismus weitgehend von der Bildfläche verschwunden ist, macht da Empolis These nicht überzeugender; der Vergleich mit dem Silicon Valley scheint allemal zu hinken. Da das Buch da Empolis, der in Paris lebt und Leiter eines Mailänder Thinktanks ist, zudem in französischer Sprache bereits im vergangenen Jahr erschien, wurde es für die Übersetzung ins Deutsche zwar aktualisiert – vor allem wurden Passagen zur AfD ergänzt –, die ursprüngliche Dramaturgie aber blieb bestehen.

          Bei der weiteren Lektüre nimmt einen dann aber ein, dass das Buch einleuchtende Erklärungsansätze für einige politische Phänomene liefert. Etwa für den kaum noch steigerungsfähigen erratischen Politikstil Donald Trumps und die Tatsache, dass sich immer häufiger – so auch bei den Corona-Demonstrationen der letzten Wochen – Protestgruppen zusammenfinden, in denen rechte und linke Gesinnung nur noch schwer zu unterscheiden sind.

          Verbunden in einer absurden Parallelrealität

          Die Suche nach Urszenen für Bewegungen dieser Art – da Empoli sieht sie als neue Form von „postideologischem Populismus“ – führt zurück nach Italien, zur Fünf-Sterne-Bewegung, deren Aufstieg der Autor vom Jahr 2006 an detailliert beschreibt. Ihr gewinnt er Einsichten in die Mechanik einer Meinungsmanipulation ab, die später auch die Brexit-Bewegung, Pegida oder die Gelbwesten prägen werden. Geschildert wird die Fünf-Sterne-Bewegung dabei als mutwilliges und sehr erfolgreiches Experiment des Mailänder Internetunternehmers Gianroberto Casaleggio, der in dem Komiker Beppe Grillo einen Akteur fand, mit dessen Hilfe er den verbreiteten Zorn auf das italienische Politik-Establishment in eine – leidenschaftlich die freie Rede hochhaltende – politische Bewegung überführte. Dass diese von Anbeginn stark zentralistisch geprägt war und ihre Themen rein opportunistisch aus Datenanalysen in sozialen Medien und daraus ableitbaren Erregungspotentialen gewann, schienen ihre Anhänger nicht zu bemerken.

          Davide Casaleggio, der die im Grunde auf ein Internetportal und den Blog Beppe Grillos zusammenlaufende Fünf-Sterne-Bewegung nach dem frühen Tod seines Vaters 2016 im wahrsten Sinne des Wortes erbte und sie ebenso zentralistisch weiterführte, drückt es in einem Interview so aus: „Die alte Parteienherrschaft ist wie ein Blockbuster, wir dagegen sind wie Netflix.“ Seine Anhänger sieht er dabei als „Ameisen“, jeder in seiner Informationsblase lenkbar.

          Um die Durchschlagskraft der im Internet von politischen Strippenziehern verbreiteten Verschwörungstheorien zu erklären, bezieht sich da Empoli auf Jaron Lanier, der als IT-Pionier schon früh erkannte, dass die Algorithmen der sozialen Netzwerke Negativschlagzeilen belohnen, weil sie – fein abgestimmt auf persönliche Vorlieben – das größte „Engagement“, nämlich den längsten Verbleib der Nutzer auf der Plattform garantieren. Und auch dafür, dass selbst leicht durchschaubare Falschnachrichten viele Abnehmer finden, hat da Empoli eine einleuchtende Erklärung. Dahinter stecke nicht in erster Linie mangelnder Durchblick, sondern die Möglichkeit, gerade in der Absurdität des Behaupteten die Grundlage für eine besondere Form der Verbundenheit zu finden – eine gemeinsame Parallelrealität, in der man, anders als in der globalisierten Welt, die Kontrolle behält. Für passionierte Trolle seien alternative Fakten darüber hinaus einfach „origineller“ als die echten, für sie gehören Fake News zu einer Spaßkultur gegen die Political Correctness, gegen den vermeintlichen Kodex der Linken und Liberalen.

          Giuliano da Empoli: „Ingenieure des Chaos“. Blessing Verlag, München 2020. 223 S., 16 Euro.
          Giuliano da Empoli: „Ingenieure des Chaos“. Blessing Verlag, München 2020. 223 S., 16 Euro. : Bild: Verlag

          Es ist erstaunlich, wie sich bei den populistischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts die Paarbildung von hochintelligentem IT-Mastermind im Hintergrund und einem Performer auf öffentlicher Bühne etabliert. So folgten in Italien auf Casaleggio und Grillo der Politstratege Luca Morisi im Gespann mit Matteo Salvini, im Großbritannien der Brexit-Ära Dominic Cummings mit Nigel Farrage und Boris Johnson, in Ungarn Arthur Finkelstein und Viktor Orbán, in den Vereinigten Staaten ehemals Steve Bannon mit Donald Trump.

          Überzeugend legt da Empoli dar, wie unabdingbar es in solchen Konstellationen ist, dass die im Rampenlicht stehende Figur unverfroren Fake News, Verschwörungstheorien und anderes Erregungsmaterial unter die Anhänger bringt, ohne dass argumentative Lächerlichkeit unmittelbar als Schwäche ausgelegt wird. Moderieren kann das vielseitig opportunistische Programm der neuen Populisten offenbar nur ein Showmaster, der zudem über das rhetorische Register des „harten Hunds“ verfügt. Trump scheint eine Idealbesetzung für dieses Rollenfach zu sein. Kurz vor der Wahl kann man gerade mitverfolgen, wie seine Verschwörungstheorien zur Diskreditierung der politischen Gegner immer abstruser werden.

          Wobei da Empoli auch diese Entwicklung in seinem Buch vorwegnimmt. Auf die beim Wähler früher oder später unvermeidbare Erwartungsenttäuschung folge eine zunehmende Enthemmung der Populisten, welche die repräsentative Demokratie endgültig auszuhöhlen drohe. Er sieht dagegen nur ein Mittel: Die echten Demokraten müssten sich „kreativ“ und „subversiv“ neu erfinden, um die eigenen Werte zu verteidigen. Konkreter wird er nicht. Das Verdienst seines Buches besteht in einer Dekonstruktion des neuen Populismus, die zu richtigen Fragen führt. Bei Aktionen wie dem „Sturm auf den Reichstag“ lautet die entscheidende: Wer sind die Drahtzieher im Hintergrund, welche Algorithmen sind am Werk?

          Giuliano da Empoli: „Ingenieure des Chaos“. Wie smarte Social-Media-Experten den Rechtspopulisten helfen und unsere Demokratie manipulieren. Aus dem Französischen von Alexandra Hölscher. Blessing Verlag, München 2020. 223 S., br., 16,– .

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