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Buch über Populismus in Europa : Alternative Fakten sind halt origineller

Um die Durchschlagskraft der im Internet von politischen Strippenziehern verbreiteten Verschwörungstheorien zu erklären, bezieht sich da Empoli auf Jaron Lanier, der als IT-Pionier schon früh erkannte, dass die Algorithmen der sozialen Netzwerke Negativschlagzeilen belohnen, weil sie – fein abgestimmt auf persönliche Vorlieben – das größte „Engagement“, nämlich den längsten Verbleib der Nutzer auf der Plattform garantieren. Und auch dafür, dass selbst leicht durchschaubare Falschnachrichten viele Abnehmer finden, hat da Empoli eine einleuchtende Erklärung. Dahinter stecke nicht in erster Linie mangelnder Durchblick, sondern die Möglichkeit, gerade in der Absurdität des Behaupteten die Grundlage für eine besondere Form der Verbundenheit zu finden – eine gemeinsame Parallelrealität, in der man, anders als in der globalisierten Welt, die Kontrolle behält. Für passionierte Trolle seien alternative Fakten darüber hinaus einfach „origineller“ als die echten, für sie gehören Fake News zu einer Spaßkultur gegen die Political Correctness, gegen den vermeintlichen Kodex der Linken und Liberalen.

Giuliano da Empoli: „Ingenieure des Chaos“. Blessing Verlag, München 2020. 223 S., 16 Euro.
Giuliano da Empoli: „Ingenieure des Chaos“. Blessing Verlag, München 2020. 223 S., 16 Euro. : Bild: Verlag

Es ist erstaunlich, wie sich bei den populistischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts die Paarbildung von hochintelligentem IT-Mastermind im Hintergrund und einem Performer auf öffentlicher Bühne etabliert. So folgten in Italien auf Casaleggio und Grillo der Politstratege Luca Morisi im Gespann mit Matteo Salvini, im Großbritannien der Brexit-Ära Dominic Cummings mit Nigel Farrage und Boris Johnson, in Ungarn Arthur Finkelstein und Viktor Orbán, in den Vereinigten Staaten ehemals Steve Bannon mit Donald Trump.

Überzeugend legt da Empoli dar, wie unabdingbar es in solchen Konstellationen ist, dass die im Rampenlicht stehende Figur unverfroren Fake News, Verschwörungstheorien und anderes Erregungsmaterial unter die Anhänger bringt, ohne dass argumentative Lächerlichkeit unmittelbar als Schwäche ausgelegt wird. Moderieren kann das vielseitig opportunistische Programm der neuen Populisten offenbar nur ein Showmaster, der zudem über das rhetorische Register des „harten Hunds“ verfügt. Trump scheint eine Idealbesetzung für dieses Rollenfach zu sein. Kurz vor der Wahl kann man gerade mitverfolgen, wie seine Verschwörungstheorien zur Diskreditierung der politischen Gegner immer abstruser werden.

Wobei da Empoli auch diese Entwicklung in seinem Buch vorwegnimmt. Auf die beim Wähler früher oder später unvermeidbare Erwartungsenttäuschung folge eine zunehmende Enthemmung der Populisten, welche die repräsentative Demokratie endgültig auszuhöhlen drohe. Er sieht dagegen nur ein Mittel: Die echten Demokraten müssten sich „kreativ“ und „subversiv“ neu erfinden, um die eigenen Werte zu verteidigen. Konkreter wird er nicht. Das Verdienst seines Buches besteht in einer Dekonstruktion des neuen Populismus, die zu richtigen Fragen führt. Bei Aktionen wie dem „Sturm auf den Reichstag“ lautet die entscheidende: Wer sind die Drahtzieher im Hintergrund, welche Algorithmen sind am Werk?

Giuliano da Empoli: „Ingenieure des Chaos“. Wie smarte Social-Media-Experten den Rechtspopulisten helfen und unsere Demokratie manipulieren. Aus dem Französischen von Alexandra Hölscher. Blessing Verlag, München 2020. 223 S., br., 16,– .

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