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Katja Krasavices „Bitch Bibel“ : Außen fake, innen real

„Clean Hands, Dirty Minds! Amen!“ Spricht hier eine Kunstfigur? Bild: Drilon Cocaj

Ist das noch Sexismus oder schon Selbstermächtigung? Und wer ist dieses Selbst? Mit „Bitch Bibel“ hat der Internet-Star Katja Krasavice so etwas Ähnliches wie eine Autobiographie geschrieben.

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          Netterweise wies mich der Pressesprecher vom Münchner Riva Verlag darauf hin, als er mir die „Bitch Bibel“ zukommen ließ, dass deren Verfasserin – Katja Krasavice, eigentlich Katrin Vogel – auf dem Cover nicht als Jungfrau Maria, sondern als Maria Magdalena dargestellt sei. Verstanden, nicht Heilige – Hure! Das war durchaus ein hilfreicher Hinweis, denn mir fiel auch etwas ein wie: Influencerin, die sich beim Coachella-Festival zum Nachdenken ein rosa Handtuch auf den Kopf gelegt hat.

          Caroline O. Jebens
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Aber gut, Hure, nicht Heilige also. Was Maria Magdalena nun wirklich war, sei mal dahingestellt, Krasavice jedenfalls soll vor allem Ersteres sein: „Schlampe“, „Stadtmatratze“, „Prostitutka“. So wird sie in ihrer Bibel, die eigentlich ihre Biographie ist, genannt. Von Fremden, vermeintlichen Freunden, ihren Brüdern. Warum? Weil sie sich sehr nackt im Internet zeigt, dort viel über Sex spricht oder alltägliche Dinge (Bananen essen, Milch trinken, Zähne putzen) auf eine irgendwie „sexy“ Weise tut.

          Hyperfeminin, hypersexuell

          Sich als Frau hyperfeminin und hypersexuell zu inszenieren provoziert und polarisiert. Und es ist immer noch ein ziemlich effektiver Weg, als Frau schnell reich zu werden. Das weiß man nicht erst seit „WAP“, dem neuen Track der Rapperinnen Cardi B und Megan Thee Stallion. An den Reaktionen darauf sieht man auch exemplarisch, dass Frauen, die ihre Femininität vermarkten, um den bescheidenen Verhältnissen, in die sie geboren wurden zu entkommen, eben immer noch anders bewertet werden als beispielsweise die vielen hypermaskulinen Rapper, die für ihr Geschlecht doch prinzipiell das Gleiche tun.

          Krasavices Trick, um als Porno-Queen für Millionen Erfolg zu haben: nie ganz nackt sein. Das haben vor ihr schon andere getan, Frauen, die sie in ihrer Bibel erwähnt. Paris Hilton, Pamela Anderson und die Kardashians beispielsweise. Nur, dass die schon davor reich und berühmt waren. Krasavice hingegen kommt aus bescheidenen Verhältnissen: Geboren im Getto von Teplice, Kindheit im deutschen Kleinort, Jugend in Leipzig; die Mutter arbeitete als Putzkraft, nachdem der Vater zu dreijähriger Haft verurteilt wurde. Er hatte sich an den Freundinnen seiner Tochter vergangen. Krasavices erste Jahre lesen sich für die teils schwere Kost dennoch leicht. Auch der Krebstod ihres Bruders Max und der Suizid ihres Bruders Otto werden so reflektiert-nüchtern beschrieben, dass man sie allein für ihre lebensbejahende Haltung respektieren kann.

          Leiden in Leipzig

          Sie und ihre Ghostwriterin, die „Bild“-Journalistin Johanna Völkel, erzählen Vogels 24-jähriges Leben daraufhin als lehrreiches Coming-of-Age, dem am Ende jedes Kapitels noch eine etwas wahllose Lektion dazugeschustert wird, um ein „Gebot“ daraus zu machen. Etwas wie: „Seid flexibel, lasst euch nicht demotivieren“ oder „Clean Hands, Dirty Minds! Amen!“ Wobei die Frage, wer hier spricht, Vogel oder ihre Kunstfigur Krasavice, durch Völkels oft sehr merkwürdige Sprache zusätzlich erschwert wird: Entweder versucht sie krampfhaft, Vogels Ton nachzuahmen, dass es unglaubhaft wird. Oder bemüht sich gar nicht erst und lässt Krasavice sich plötzlich über ein „desolates Schulsystem“ echauffieren und nach einer Welt sehnen, in der „feministische Autonomie“ wirklich gelebt werden könne.

          Katja Krasavice: „Bitch Bibel“. Riva Verlag, 208 Seiten, 19,99 Euro.
          Katja Krasavice: „Bitch Bibel“. Riva Verlag, 208 Seiten, 19,99 Euro. : Bild: Riva Verlag

          Ihr Lebensweg ist demnach nämlich vor allem auch Leidensweg, auf dem sie sich solch eine Autonomie erkämpft habe. Und einer, in dem sich Themen finden, zu denen man sehr starke Meinungen haben kann: Youtube, Reality-TV, Schönheitsoperationen, Pornographie, Sexsucht, BDSM, Abtreibung. Weil sie alles das erlebt hat oder „egoistisch“ lebt, wurde sie von allen Seiten angefeindet, schon seit sie mit 13 aus ihrem tschechischen Dorf nach Leipzig kam, wo alle ihren Look billig fanden. Ihre falschen Freunde unterziehen sie einer unfreiwilligen Wassertaufe im Baggersee, so dass falsche Haare, Schminke, ausgestopfter BH sich auflösen: „Es war der Moment, in dem ich schwor, der Welt eines Tages zu zeigen, dass man sich nicht anpassen sollte, um anderen zu gefallen.“ Denn allen Widerständen, Mobbing-Aktionen und Anfeindungen zum Trotz besteht sie darauf, „anders“ sein zu dürfen, „sie selbst“, „real“.

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