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Afrika-Roman „Benzin“ : Einen Tod musst du schreiben

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Afrika abzubilden, ohne Klischees zu streifen, ist schwierig – davon handelt Gunther Geltingers Roman. Hier sieht man eine Siedlung in Durban. Bild: laif

Ein beschwerlicher Afrikaroman über das beschwerliche Schreiben eines Afrikaromans: Auf einem Roadtrip will ein Paar seine Ehe retten. Als sich ein Dritter dazugesellt, kündigt der Autor Gunther Geltinger schon mal den Tod einer der Figuren an.

          Das Lieblingswort dieses Buches ist „Roman“. Ständig werden wir daran erinnert, dass wir gerade einen Roman lesen; dass Romane nicht unbedingt die Wirklichkeit sind; dass die Hauptfigur, der Schriftsteller Vinz, bisher – wie Gunther Geltinger – zwei Romane veröffentlicht hat. Und dass jetzt der dritte folgen muss. Der Verlag drängelt.

          Stoff dafür soll eine Autoreise mit Vinz’ Mann Alexander durch den Süden Afrikas liefern. Die Beziehung steckt in der Krise, mit ihr Vinz’ literarisches Schaffen. „Was bliebe übrig von Alexander und ihm, wenn er seine Romane von ihnen abzöge?“ Vinz fürchtet: nichts. Um das Gegenteil zu beweisen, fährt das Paar von Südafrika aus auf möglichst kleinen Straßen Richtung Norden, nach Zimbabwe. Menschen meiden, Landschaft sehen, Ehe retten.

          Der Plan geht nicht auf. Nachts auf einer Landstraße fahren sie einen Mann an, der sich dabei verletzt. Zum schon gereizten Paar gesellt sich das sprichwörtliche dritte Rad. Unami, so heißt der Neue, wird zur Projektionsfigur für die beiden Deutschen, die sich zunächst als Brüder ausgeben, denn trotz der 2006 legalisierten gleichgeschlechtlichen Ehe herrscht in Südafrika noch immer viel Homophobie. Unami scheint sie zu teilen.

          Drei sind einer zu viel

          Das Trio entwickelt eine fragile Dynamik zwischen touristischem Schuldbewusstsein und dem hässlichen Verdacht des Ausgenutztwerdens durch den Einheimischen – und andersherum durch die Fremden. Verhandelt werden Eifersucht, Macht, Erotik, Selbsthass. Irgendwann fasst Vinz den Entschluss, dass eine der Figuren den Roman nicht überleben wird. Nur wer, das muss er noch herausfinden.

          Gunter Geltinger: „Benzin“

          Auch diese dramaturgische Rechnung wird an Schärfe bald von der Realität eingeholt. Wie sich herausstellt, ist Unami gar kein Südafrikaner, sondern aus Robert Mugabes Zimbabwe geflüchtet. Im Exil wird er als Schmarotzer geächtet. Er erzählt von einem Handyvideo, auf dem sein Bruder zu sehen sei: „Es gluckert in den Mantel des Reifens und spritzt über den entblößten Körper. Die Männer kommen noch näher, sie wollen die Wunden sehen, den Moment, wie ihr Opfer unter den Tritten und Schlägen zusammensackt und nur von dem Reifen um seinen Hals noch aufrecht gehalten wird wie ein dürres Bäumchen im Wind, bis einer das Zündholz wirft (...). Sie beklatschen ihr Werk und ziehen befriedigt weiter, während ihr in Deutschland, in Amerika oder wo immer jemand auf das Video stößt, nicht glauben wollt, was ihr seht.“

          Der südafrikanische Fotograf Kevin Carter machte diese während der Apartheid als „Necklacing“ bekannte Form der Lynchjustiz in den neunziger Jahren für den Westen sichtbar. Wenig später nahm er sich das Leben, wohl auch wegen der Schuldgefühle des Zusehenden. Aber wirklich vorstellbar? Geltinger hat recht: Außerhalb von Zeitungsblättern, Buchdeckeln und Bildschirmen ist das aus der virtuellen Ferne kaum. Wir sehen hin, manchmal, machtlos. Das Kapitel, in dem Unami den Mord beschreibt, ist verwirrend, weil zunächst nicht ganz klar ist, was hier wann geschieht – und dann, vielleicht erst beim Zurückblättern, vollends verstörend. Weil man versteht: Ach so, „Benzin“.

          Flache, nackte Frauenbrüste und noble Elefanten

          Welchen Blick kann ein Europäer werfen? In seinem Satire-Essay „How to Write About Africa“ (2005) instruierte der jüngst verstorbene kenianische Autor Binyavanga Wainaina, selbst schwul und lange in Südafrika zu Hause, angehende Afrika-Romanciers wie folgt. Neben der Bildsprache aus flachen, nackten Frauenbrüsten, noblen Elefanten und der großen roten Scheibe des Sonnenuntergangs dürfe keinesfalls die Anerkennung der eigenen aktivistischen Leistung versäumt werden: „Stelle unbedingt klar, dass Afrika ohne deine Intervention und dein wichtiges Buch dem Untergang geweiht wäre.“

          Geltinger, 1974 in Unterfranken geboren, weiß um diese Klischees. Immer wieder expliziert Vinz die heikle Poetik des weißen Autors in Afrika. „Sein geplanter Roman würde sich ereignen, sobald sie diesen Ort verlassen hätten, er ist die Geschichte dessen, was nie geschieht, weil er nichts davon weiß.“ Die Technik lautet: eine Wahrheit aussprechen, sie aber erst um ein paar Grad verrücken, um nicht als allzu eifriger Erzähler überführt zu werden. Antivoyeurismus. Denn Vinz weiß auch, „was dieses Land am wenigsten braucht, ist sein Roman“.

          Diese wachsame Einstellung ist verständlich und notwendig, auf Dauer aber auch sehr ermüdend. Wenn Vinz sich einer Sache entsinnt, dann fast nie ohne den Verweis, dass er sie bereits in einem seiner Romane verarbeitet habe. Wenn er etwas erlebt, dann im Bewusstsein, dass dies „ein weiteres Element im Zeichensystem des späteren Texts“ werden könnte.

          Hinzu kommt eine große Bedeutungsschwere. Vinz und Alexander steigen nicht ins Flugzeug, stattdessen „verschluckte sie der metallene Schlund“. In Südafrika hockt ein Gecko auf einem Kissen, der von Vinz sogleich zum „Wesen aus der Tiefe seiner Weltphobie“ erklärt wird. Manchmal klingt das so, als sei der Hallraum zu groß, in den Vinz seinen Weltschmerz hineinklagt. Drei Prozent Handyakku will er gleich „auf ein Menschenleben umgerechnet“ wissen, das letzte „Refugium seines Herzens ist die enge Kammer des Trotzes“. Fast wünscht man dieser gequälten Schriftstellerfigur, sie möge von ihrem erklärten Unglück, den Roman schreiben zu müssen, erlöst werden. Was nicht unbedingt auch für Geltinger gilt, denn der anstrengenden Psychoprosa steht die doch erstaunliche Beziehung zu Unami gegenüber.

          Wainaina rät in seiner satirischen Anleitung: „Schließe dein Buch immer mit einem Nelson-Mandela-Zitat über Regenbögen oder Wiedergeburten.“ So leicht macht es sich Geltinger nicht, eher im Gegenteil. Es ist durchaus ein sensibles Buch, das Ende ist offen. Aber ohne die ständige ausdrückliche Romanwerdung könnte der Protagonist einfach mal erleben, ohne alles antizipieren, zurechtbiegen und zu Kunst zusammenspinnen zu wollen. So wird der Roadtrip oft zur Poetikvorlesung mit Plot.

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