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Zwei Kriegsbücher von Karl Marlantes und Ernst Jünger : Kriegserklärung

Bild: Arche

Mehr als neunzig Jahre trennen Karl Marlantes’ Buch „Was es heißt, in den Krieg zu ziehen“ von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, das nun als historisch-kritische Ausgabe erscheint. Der Vergleich beider Bücher ist brisant.

          7 Min.

          Zwei Bücher erklären uns in diesem Herbst den Krieg. In doppeltem Sinne: Sie wollen begreiflich machen, was der Krieg ist, aber ihr Inhalt verstößt gegen das, was heute als selbstverständlich gilt. Das eine Buch ist ganz neu, das andere erschien kurz nach dem Ersten Weltkrieg, doch jetzt kann man es ganz neu lesen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist der richtige Moment dafür. Kommendes Jahr jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal, und schon vorher, in der übernächsten Woche, begeht Leipzig die Erinnerungsfeierlichkeiten zu zweihundert Jahren Völkerschlacht. Doch was nach 1813 und dann noch vermehrt nach 1914 als neues Risiko militärischer Praxis entstanden war, das wird meist vergessen. Es ist die Enttäuschung.

          Rot und Grau

          Nicht die Enttäuschung der Militärs, die den Krieg verlieren, ist gemeint. Das wäre nichts Neues gewesen. Es geht um die Enttäuschung der Völker, die den Krieg freiwillig unterstützt haben. Es war neu im Jahr 1813, dass nicht ein Fürst seiner Bevölkerung Geld und Naturalien abzwingen musste, um das kämpfende Heer zu unterstützen, sondern dass Bürger aus eigenem Willen Verzicht leisteten, damit ihr Land Krieg führen konnte: gegen die napoleonische Fremdherrschaft, für die Aussicht auf staatliche Einheit in Deutschland und Verfassungen. Nur die erste Hoffnung aber wurde nach 1813 erfüllt, und die Rede von der „Völkerschlacht“ wurde deshalb zur Mahnung, dass bei Leipzig nicht die beteiligten Länder oder gar Monarchen gekämpft hatten, sondern eben die Völker, denen man ihr Opfer so schlecht gedankt hatte. Aus dieser Enttäuschung entstand der radikalisierte Nationalismus, der dem grässlichen zwanzigsten Jahrhundert den Weg bereiten sollte. Er führte zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

          „Ausbruch“ - das Wort hat etwas von einer virologischen Epidemie, einer unvermeidlichen Naturkatastrophe. Doch wie jeder Krieg war auch dieser Menschenwerk, ehe er zu Maschinenwerk wurde. In der immer stärker mechanisierten Kriegsführung (Panzer, Flugzeuge) sah Ernst Jünger das bahnbrechend Neue der Jahre von 1914 bis 1918, obwohl er mit dem Titel seines 1920 erstmals erschienenen Erinnerungswerks „In Stahlgewittern“ noch einmal eine Naturmetapher für den großen Kampf beschwor. 1995, drei Jahre vor seinem Tod, sollte der damals bereits Hundertjährige in Madrid sich selbst für diese Betitelung schelten: „Besser wäre es gewesen, ich hätte das Buch, meiner ersten Eingebung folgend, ,Rot und Grau’ genannt, in Parallele zu Stendhals ,Rouge et Noir’, was den Dokumentencharakter . . . stärker betont hätte.“ Mehr als siebzig Jahre zu spät, verweht.

          Die seelische Wirkung des Kriegs auf die Beteiligung

          Tatsächlich war der Titel „Rot und Grau“ bereits auf der ersten Seite des Buchs angelegt, im zweiten Absatz des Vorworts: „Das Bild des Krieges war nüchtern, grau und rot seine Farben“, schreibt Jünger da, „das Schlachtfeld eine Wüste des Irrsinns, in der sich das Leben kümmerlich unter Tage fristete.“ Das ist ein anderes Fazit, als es das gängige Jünger-Bild vermuten ließe, das in dem zum Schriftsteller gewordenen Offizier einen Kriegsverherrlicher sieht. Er selbst betont in den „Stahlgewittern“ mehrfach seine „Objektivität“ als Beobachter, ein Wort, das er von 1924 an mit einem Modebegriff der Weimarer Republik in „Sachlichkeit“ ändern sollte und damit auch dem Maschinellen anpasste, das er zum Signum der letzten Kriegsphase erhob. Aus dem Völkerringen war ein Soldat des Wortes hervorgegangen, der sich etwas darauf einbildete, zur Sache zu sprechen, nicht aber zum Gemüt seines Publikums.

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