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Zwei Bücher würdigen Reiner Kunze : Seine Stunde null schlug im Jahr 1959

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Ralf Liebe

Zum achtzigsten Geburtstag von Reiner Kunze sind kürzlich zwei Bücher erschienen, die sich auf höchst unterschiedliche Weise dem deutsch-deutschen Dichter annähern. Zusammen bilden sie ein ungemein spannendes Porträt.

          Als niemand seine Gedichte und seine Prosastücke lesen durfte, da wollte sie jedermann lesen. Verboten im eigenen Land, der DDR, kursierten Reiner Kunzes Texte dort in Abschriften und als Schmuggelware, oder man hörte sie bei einer der nicht genehmigungspflichtigen Lesungen in einer Kirche. Die Erwartung und die Identifikationsbereitschaft der Zuhörer und der Leser verwandelten Kunzes poetische Texte in politische Geheimbotschaften: Hier wagte es einer, die Freiheit des Wortes unbedingt für sich in Anspruch zu nehmen, jeder Form der Indoktrination zu widersprechen und seine Wahrheit zu sagen, in erfindungsreichen, aber wirklichkeitsgetränkten Bildern, die zu dechiffrieren waren.

          Reiner Kunze selbst hat mehrfach vor dem Missverständnis gewarnt, seine „Poesie sei verschlüsselte politische Botschaft“; die „Dominanz des Politischen“ bringe die ästhetische Eigenart der dichterischen Gebilde, auf die es wesentlich ankomme, zum Verschwinden. Diese teils skrupulöse, teils selbstbewusste Befürchtung trennt, was bei Kunze selbst doch aufs engste zusammengehört: das Ästhetische und das Politische. Denn seine poetischen Bilder entwickeln sich aus erfahrener Wirklichkeit, und wenn die politisch ist, können die Bilder sie vielleicht überwinden, aber nicht leugnen: „Das poetische Bild, das aus dem Unbewussten aufsteigt, hat seine eigene Wahrheit, und es stirbt, sobald man sie verfälscht.“

          Widerstand, der sich in einem Wahrhaftigkeitsanspruch begründet

          Widerstandskraft und Wahrheitsanspruch sind in Kunzes Gedichten identisch. Das gilt nicht nur, aber vor allem für die Gedichte, deren erlebter Hintergrund das politische System der DDR ist. Aber es ist irreführend, ja falsch, ihn als Widerstandskämpfer mit dem gescheiterten Hitler-Attentäter zu vergleichen: „Wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg wagte Reiner Kunze den entscheidenden Wurf, den Widerstand gegen das System der Ideologen und Machthaber.“ So liest man es auf dem Rückumschlag eines Buches, das vierzig Freunde und Weggefährten dem Dichter Reiner Kunze zu seinem heutigen 80. Geburtstag zugeeignet haben.

          Aber Kunze trachtete niemandem nach dem Leben, er predigte nicht etwa den Mord an Tyrannen und Diktatoren, so dass selbst der Titel dieser Geburtstagsgabe, „Dichter dulden keine Diktatoren neben sich“ (obwohl einem Gedichts Kunzes entnommen), insofern fragwürdig wird, als er die Behauptung nahelegt, auch die Dichter selbst verhielten sich wie Diktatoren. Nein, so dachte Kunze nie.

          Liebevolle Devotionaliensammlung in Textform

          Das bezeugen alle Beiträger dieses Glückwunschbuches: die Literaturwissenschaftler (wie Walter Hinck und Birgit Lermen) ebenso wie die Freunde (unter ihnen Wulf Kirsten und Karl Corino), die Komponisten, die Texte von Kunze vertonten (Thomas Blomenkamp und H. Johannes Wallmann), und die tschechischen und rumänischen Kollegen. Wollte man eine Summe aus den liebevollen Devotionalien ziehen, die der Schriftsteller Matthias Buth, ein Mitarbeiter im Bundeskanzleramt, und Günter Kunert umsichtig eingesammelt haben, so wäre das die allgemeine Bewunderung für Kunzes Mut, für seine unerschütterliche humane Gesinnung und für die große Kunst seiner Gedichte.

          Nur einmal regt sich ein milder Widerspruch: Uwe Grüning kann Kunzes Versen „eingesperrt in dieses land / das ich wieder und wieder wählen würde“ kein Verständnis abgewinnen: „Eingesperrt waren wir alle. Aber ich hatte dieses Land nicht gewählt und keiner hatte mich gefragt, ob ich es erneut wählen würde - ich würde es nicht“, schreibt Grüning. Auch Kunze hat „dieses Land“ natürlich nie „gewählt“; denn er hatte, wie alle eingesperrten Bürger der DDR, überhaupt keine Wahl. Hätte es dort demokratische Wahlen und dementsprechend demokratische Verhältnisse gegeben, dann hätte Kunze dieses Land „wieder und wieder“ gewählt - das besagt der wohlerwogene Konjunktiv „würde“ in Kunzes Versen.

          In seiner Jugend ein gläubiger Genosse

          In seiner Jugend allerdings hat Kunze tatsächlich den kommunistischen Staat und seine Einheitspartei als Genosse gewählt und als Dichter gepriesen. Auf seine frühen Gedichtbände, die Zeugnisse seiner Verblendung und Indoktrination enthalten, blickt Kunze heute mit Scham und Entsetzen zurück und zählt sie nicht mehr zu seinem gültigen Werk. Der Behauptung, er sei auch noch als Dozent an der Leipziger Universität (1955 bis 1959) ein „brutaler stalinistischer Einpeitscher“ gewesen, die Wolf Biermann nach Erzählungen von Helga Novak kolportiert, widerspricht Kunze wenigstens partiell; er sei dort vielmehr „so aufgetreten (...), um überhaupt noch auftreten zu dürfen“.

          Diese Informationen kann man der „Annäherung an Reiner Kunzes Lebensweg und Werk“ von Udo Scheer entnehmen, die ebenfalls zum 80. Geburtstag des Dichters erschienen ist. Scheer schreibt auf Zuraten und in enger Zusammenarbeit mit Kunze selbst. Er nutzt dessen eigene Darstellungen und Dokumentationen über sein Leben und seine permanente Verfolgung (“Deckname ,Lyrik’“) ebenso wie die Korrespondenzen, persönlichen Auskünfte und die Unterlagen über die operativen Vorgänge des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, die sich als Kopien im hauseigenen Kunze-Archiv befinden. Man kann deshalb Scheers Biographie als authentisch und wohl auch als autorisiert bezeichnen.

          Vertragsaufhebung von 1959 als „Stunde null“

          Dementsprechend folgt er weitgehend der Sichtweise seines Protagonisten. Von dessen früher Sozialisation im sozialistischen Staat ist dabei ebenso die Rede wie von den poetischen „Produkten eines poetologisch, philosophisch und ideologisch Irregeführten“, vom Studium des Journalismus in Leipzig und der beruflichen Karriere als wissenschaftlicher Assistent mit Lehraufgaben. Eingehend und mit Hilfe zahlreicher dokumentarischer Zitate werden die Verdächtigungen und Vorwürfe wegen politischer Unzuverlässigkeit rekapituliert, die Kunze schließlich veranlassen, 1959 einer Kündigung mit der Bitte um Aufhebung seines Vertrages zuvorzukommen.

          Dieses Jahr bezeichnet Kunze seither als seine persönliche „Stunde null“. Er zieht einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit, trennt sich auch von Ingeborg Weinhold, seiner ersten Frau, arbeitet vorübergehend als Schlosser im VEB Schwermaschinenbau Leipzig und lernt die tschechische Kieferorthopädin Elisabeth Littnerová kennen, die er 1961 heiratet und mit der er seit 1962 in Greiz als freischaffender Schriftsteller lebt. Sie vermittelt ihm die Liebe zur tschechischen Literatur und übersetzt ihm Wort für Wort die Gedichte von Jan Skácel, Milan Kundera und anderen, die ihn zu Nachdichtungen inspirieren.

          Übersetzungen werden gedruckt, die eigenen Gedichte nicht

          Sie werden auch in der DDR gedruckt, während seine eigenen Gedichtbände (“sensible wege“ und „zimmerlautstärke“) dort nicht erscheinen dürfen, mit Ausnahme eines schmalen Heftchens aus der Reihe „Poesiealbum“, das einen Tag vor dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR (1968) ausgeliefert wird. „Eine Woche später“, schreibt Scheer, „wäre dieses ,Poesiealbum’ nicht mehr erschienen, sondern makuliert worden.“ Nach der Niederschlagung der tschechoslowakischen Demokratiebewegung tritt Kunze aus der SED aus.

          Nun beginnt die lange und quälende Geschichte der Beobachtung, Überwachung und Verfolgung Kunzes durch die Staatssicherheit, die Geschichte der wahren und der falschen Freunde, der vorübergehenden Liberalisierung, die zur Veröffentlichung des Reclam-Bändchens „Brief mit blauem Siegel“ (1973) führte, und der umso härteren Angriffe auf ihn nach Erscheinen der „Wunderbaren Jahre“ in der Bundesrepublik (1976). Kunze wird aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, und es bleibt ihm zuletzt gar nichts anderes mehr übrig, als darum zu bitten, aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen zu werden und ausreisen zu dürfen. Am 13. April 1977 gelangt das Ehepaar Kunze zusammen mit der Tochter bei Hirschberg über die Grenze nach Bayern.

          Kunzes Wohnhaus wird zur Erinnerungsstätte

          Diese Geschichte der Austreibung Kunzes aus der DDR nimmt in Scheers Biographie den weitaus meisten Raum ein, sicher in der Absicht, diesem Dichterleben exemplarische, paradigmatische, ja symbolische Bedeutung zuzutragen. Das vergleichsweise ruhige Dasein Kunzes der letzten 37 Jahre in Erlau bei Passau gibt für solche hochgesteckten Ziele nicht mehr so viel her. Es gibt weltweite Anerkennung, Ehrungen und Preise. Als Kunze 1978 durch die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung der Büchnerpreis zugesprochen wird, reagiert allerdings Hermann Kant als Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR in einem nach wie vor menschenverachtenden Tonfall: „Wenn die Darmstädter Jury ihren Literaturpreis auf den Kunze bringt, muss sie selber sehen, wie sie damit zurechtkommt, und -, aber lassen wir das, kommt Zeit, vergeht Unrat.“

          Das Buch schließt mit Hinweisen auf die Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung, auf das bereits 5300 Dokumente und Kunstwerke umfassende und inventarisierte Archiv und auf Kunzes Wohnhaus, das derzeit umgebaut wird, um als Erinnerungsstätte zu dienen. Es ist zu wünschen, dass man sich nicht nur an den verfolgten Reiner Kunze erinnert, so wichtig auch das ist, und nicht nur an den vielbewunderten tapferen Menschen, sondern vor allem an den bedeutenden Lyriker, dem wir einige der schönsten Gedichte deutscher Sprache verdanken.

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