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Nobelpreisträger Le Clézio : Rückkehr in die eigene Familiengeschichte

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Was von Frankreichs Kolonialherrlichkeit auf Mauritius übrig blieb, sind Plantagenhäuser wie „Mon Plaisir“, das heute in einem botanischen Garten steht. Bild: imageBROKER/Peter Schickert

Was ist Faktum, was ist Fatum? Mit dem Roman „Alma“ nimmt der Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clézio noch einmal die wichtigsten Motive seines Werks auf.

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          Seinen achtzigsten Geburtstag feierte J.M.G. Le Clézio, der französische Literaturnobelpreisträger, unlängst in scheinbar verstreuter Weise. In Frankreich veröffentlicht er einen Band mit zwei autobiographischen Erzählungen: „Bretonisches Lied“ beschwört Kindheitssommer in Sainte-Marine (Finistère) herauf, „Das Kind und der Krieg“ ist den Weltkriegsjahren gewidmet, die Le Clézio in und bei Nizza erlebt hat. In Deutschland hingegen erscheint „Alma“, ein Roman über die Insel Mauritius. Zusammengenommen spiegeln diese Texte Le Clézios komplexe Familiengeschichte und nennen geographische Ankerpunkte seines Werks: Sein Vorfahr François Alexis Le Clézio war während der Revolutionswirren aus der Bretagne nach Mauritius ausgewandert, und auch wenn Le Clézio selbst in Nizza geboren und aufgewachsen ist, fühlt er sich dieser doppelten Herkunft ebenso verbunden wie den mauritianischen Sprachen, Englisch, Französisch, Kreol.

          Mauritius, die Insel der Völker- und Sprachenmischung, ist, das belegt „Alma“ eindrucksvoll, in Le Clézios Werk jene Matrix, die es erlaubt, die Fäden zu verknüpfen. Die zwei Hauptfiguren des Romans, der Reisende Jérémie und der Herumstreicher Dominique, durchstreifen die Insel in alle Himmelsrichtungen. Die von Le Clézio ausgelegten Spuren, denen seine Figuren mehr oder weniger bewusst nachgehen, sind unterschiedlichster Art, familiär, historisch, autobiographisch, und sie kreuzen einander ohne Unterlass, ja sind selten streng zu unterscheiden.

          Streifzüge durch Paris

          Die beiden Figuren gehen unterschiedliche Wege: Jérémie, später Spross der Felsens, einer der großen Notabelfamilien, betritt Mauritius zum ersten Mal. Offiziell sammelt er Hinweise auf den ausgestorbenen Vogel Dodo, inoffiziell sucht er in halblegendären Familiengeschichten die eigene Identität: „Ich will alle Spuren sehen, zum Ursprung all dieser Geschichten vordringen. Das ist nicht einfach. Sie sind verborgen, geheim, mit Familienskandalen behaftet, von frommen Lügen ummäntelt, das Vergessen hat sich über diese Insel gelegt, sie mit einer elastischen, milchigen Membrane der Illusion überzogen.“ Sinnbild dafür ist der ehemalige Familienbesitz Alma, Namensgeber des Romans, der einem Einkaufszentrum weichen muss.

          J.M.G. Le Clézio: „Alma“. Roman. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 360 S., geb., 25,– €.
          J.M.G. Le Clézio: „Alma“. Roman. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 360 S., geb., 25,– €. : Bild: Kiepenheuer & Witsch

          Dominique, genannt Dodo, hingegen gehört den Laroches an, einem durch Fehlheirat stigmatisierten Zweig der Felsen-Dynastie, der in ein abgelegenes Haus abgeschoben wurde. Durch Syphilis ist Dodo endgültig zum Paria geworden, „mein Gesicht flößt allen Angst ein, weil ich keine Nase, keine Augenlider und Wangen voller Löcher habe“; der Kopf hat ebenso gelitten. Dodo reist nach Frankreich, aber nicht auf der Suche, sondern um sich endgültig zu verlieren. Nach ausgedehnten Streifzügen durch Paris bricht er gen Süden auf und kommt bis Nizza. Der Roman ist also über Kreuz erzählt, und die Geschichten geschehen zeitversetzt: Am Ende des Buches wird angedeutet, dass Jérémie Dodo in Südfrankreich begegnet sein könnte, ein Treffen, das die Reise motiviert hätte.

          Eine blauhaarige Tippelschwester

          Jérémies Suche steht im Zeichen eines einfachen Kiesels – „ein runder, abgenutzter Stein von weißlicher Farbe“ –, der aus dem Muskelmagen eines Dodos stammt, jenes flugunfähigen, ursprünglich auf Mauritius beheimateten Vogels, der durch menschenimportierte Tiere ausgerottet wurde. Jérémies Vater hat ihn als Junge auf einem Zuckerrohrfeld gefunden, und nun verkörpert dieser einem Ei ähnliche Stein das Rätsel der Familie, angefangen mit dem Vater: „Er sprach nicht darüber, auch wenn er von großem Heimweh nach seinem Heimatland erfüllt war. Seine Sehnsüchte drückte er nicht in Worten aus. Er äußerte sie in Gesten, in seinen Manien, seinen Fetischen.“ Darunter ist der Stein, der den Dodo mitmeint, aber auch Dominique alias Dodo und darüber die ausgelöschte Familie, deren letzte Spuren sich so verlaufen wie jene des unbeholfenen Vogels.

          Den beiden männlichen Hauptfiguren und Ich-Erzählern sind in der zweiten Reihe mehrere Frauen zugeordnet. Zu Dominique gehören Wohltäterinnen wie seine Amme Yaya oder die fürsorgliche Krankenschwester Vicky, später eine blauhaarige Tippelschwester. Jérémie – obwohl bereits „mittleren Alters“ – stellt der sechzehnjährigen Krystal nach, die sich anschickt, eine Prostituiertenkarriere zu durchlaufen. Er trifft auf die nur wenig ältere Aditi, die für die Mauritius Wildlife Foundation arbeitet und von ihrem Vergewaltiger ein Kind erwartet, das sie allein im Urwald gebären wird. Beiden widmet Le Clézio Kapitel, die nicht immer an Jérémie gebunden sind, so dass sich eigene Erzählstränge bilden. In episodenartigen Kapiteln werden weitere, teils eigenständige Geschichten eingefügt, von historischen oder gegenwärtigen Figuren.

          Gefiederter Namensvetter

          Ohne Schwächen sind diese Einlagen nicht, generell greift Le Clézio zur gewohnt kräftigen Acrylfarbe. Krystals schlurige Sinnlichkeit bedient manche Lolita-Phantasie, während der Versuch, den Dodo literarisch auferstehen zu lassen, in die Sparte Öko-Kitsch gehört: „Manchmal erinnern sie sich an frühere Zeiten und träumen von der Freiheit. Sie laufen zur Küste hinunter, um inmitten der schwarzen Felsen zu rennen, zu spüren, wie das Sprühwasser der Wellen ihr Federkleid benetzt, um den lauen Wind einzuatmen, sich im warmen Sand zu wälzen, die salzigen Beeren der Schraubenbäume vom Boden zu picken und am Tang zu lecken, als sei nichts geschehen.“ Guten Appetit, Dodo.

          Jérémie und Dominique sind im Motiv des Steines geschickt und komplex verbunden – hier wiederum sieht man die Kunst Le Clézios, wie auch an der Einflechtung des eigenen, leicht entstellten Familiennamens unter die Bewohner der Insel (in einem Almanach von 1814): ein Hinweis auf die persönliche Dimension des Romans. Dodo jedenfalls hat als zweiten Spitznamen „Coup de ros, ein Stein, den man wirft“, was, wie man später erfährt, eine Verhunzung seines Familiennamens Laroche ist; das nähert ihn dem Magenstein sowie seinem gefiederten Namensvetter an.

          Konzentration auf das Wesentliche

          Die Geschichte der Felsen-Dynastie ähnelt bis in Details derjenigen der Le Clézios. Darüber hinaus sind zahlreiche Elemente von „Alma“ Konstanten in Leben und Werk: der Mikrokosmos weißer Kolonialherren und ihre Familienkonflikte (Verstöße inklusive), die Begegnung mit Unterdrückten und Randfiguren, die teils schmerzhaften Begegnungen der Kulturen, die Rebellion gegen Rassismus und Kolonialmentalität, die Suche nach Vorfahren, die instabile, zerfasernde Identität, die aus alldem entsteht, und die Erfahrung einer zugleich exotischen und vertrauten Natur, die vom Menschen zerstört wird.

          All das findet man in besonders ähnlicher Ausprägung in „Ein Ort fernab der Welt“ (1995), einem Roman, der die Brüder Jacques (Le Clézios Großvater nachempfunden) und Léon Richtung Mauritius reisen lässt. So ähnlich die Grundkonstellation der Heimreise auch ist: Während der frühere Roman eine traumhafte Welt malt, in der nicht nur Arthur Rimbaud persönlich auftritt (besagter Großvater hat wohl behauptet, ihn getroffen zu haben), sondern die Quarantäne-Insel vor Mauritius opulent-delirant wie eine Station des von Rimbaud bedichteten „Trunkenen Schiffs“ flimmert, ist „Alma“ deutlich abgeklärter – zum Glück. Die Natur ist längst nicht mehr ursprünglich, selbst Zuckerfelder und -fabriken sind passé – auf Alma entsteht das Einkaufszentrum „Mayaland“, „ein Schloss aus Baugerüsten und Eisentürmen, gekrönt von einem Dach mit der Form einer Lotusblüte“. Mauritius wirkt arm, kahl, hart, elementar. Ein Alterswerk? Gut möglich, auch die Hinwendung zur engeren Herkunft, die Auslassung all der Länder, die Le Clézio existentiell, intellektuell und literarisch entdeckt hat – Nigeria, Mexiko, Panama, Korea, um nur einige zu nennen –, deutet eine Konzentration auf das Wesentliche an.

          Sicher ist, dass der engagierte Weltliterat seine Verve bewahrt hat. Man merkt es ebenso „Alma“ an wie aktuell seiner Stellungnahme zum Prix Renaudot: Dessen Jury, zu der Le Clézio gehört, wird für die Auszeichnung des bekennenden Pädophilen Gabriel Matzneff 2013 kritisiert. Le Clézio, Renaudot-Preisträger für seinen Erstling „Das Protokoll“ (1963), verlässt nun die Jury: Er habe die Wahl Matzneffs vergebens bekämpft. Unglaubwürdig ist das nicht. Feuer konnte und kann man Le Clézio nicht absprechen.

          J.M.G. Le Clézio: „Alma“. Roman. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 360 S., geb., 25,– €.

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