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Zum Tod Norman Mailers : Der Hipster

  • -Aktualisiert am

Norman Mailer, 1923 - 2007 Bild: AFP

Als er 25 Jahre alt war, machte ihn der Roman „Die Nackten und die Toten“ auf einen Schlag berühmt. Danach trat er als Provokateur, Autor, Filmemacher, Aktivist auf. Seine Themen lagen auf der Straße - zum Tod des amerikanischen Schriftstellers und Journalisten Norman Mailer.

          Vom amerikanischen Literaturpapst Harold Bloom stammt die Anekdote, dass er einmal seinem Sohn, um dessen Taschengeld aufzubessern, die handsignierten und Bloom gewidmeten Norman-Mailer-Bände mitgab, um sie beim Antiquar zu verkaufen. Dass das ein grober Fehler war, der die Prominenz der beteiligten Personen unterschätzte, musste Bloom einsehen, als Wochen später Mailer anrief, um mit ihm ein Hühnchen zu rupfen: Ein Bekannter habe die Bände mit den Widmungen erworben und ihn, Mailer, informiert. Aber hiermit sei die Sache aus der Welt, und er freue sich, Bloom das nächste Buch zu schicken; er könne den nächsten Roman ruhig wieder seinem Sohn geben.

          Typisch für Norman Mailer, der nicht nur bei Bloom nicht zum Kanon der amerikanischen Literatur gezählt wird, ist diese Hemdsärmeligkeit in der Konzilianz, die Leutseligkeit in der verschmitzten Selbstanpreisung. Als er nach dem immensen Erfolg von "Die Nackten und die Toten" 1948 schlagartig berühmt geworden war, drohte ihm der amerikanische Traum zu Kopf zu steigen. Seine beiden folgenden Romane fielen bei der Kritik und beim Publikum durch - und Mailer wähnte sich schon als ewiger One Book Author. "Ich hatte das zweifelhafte Glück, auf der Spitze des Berges zu starten", sagte Mailer in einem Interview, "von da an ging es abwärts, während andere an mir vorbei nach oben stiegen."

          Der „Hipster“ attackierte mit dem Messer

          So veröffentlichte Mailer konsequent einen Sammelband mit Ausschnitten aus den Romanen, verstreuten Essays und Interviews und nannte das Buch "Advertisements for Myself" (1959). Aber langen Atem hatte er genug, und seine Themen lagen ja auf der Straße. Sein Essay "Der weiße Neger" (1958) rechnete mit den kleinbürgerlichen republikanischen Milieus ab. Mit der Figur des "Hipsters" entwickelte er ein eigenes, erfolgreiches Persönlichkeitsmodell, eine Mischung aus Übermensch, Libertinär und linkem amerikanischem Patrioten.

          Berühmt in jungen Jahren: Bereits mit 25 legte er sein bekanntestes Buch „Die Nackten und die Toten” vor

          Für die Beat-Bewegung war das Buch von beträchtlichem Einfluss, wohingegen Saul Bellow Mailer einen "Salonrevolutionär" und David Foster Wallace ihn den "großen männlichen Narzissten" nannte. Das Hipster-Ideal, das Mailer nach Kräften auslebte - mit vielen Liebschaften, Boxunterricht beim Weltmeister José Torres, exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum -, zermürbte seine Ehe und gipfelte in der Attacke auf seine Frau mit einem Taschenmesser, bei der sie lebensgefährlich verletzt wurde. Nur weil seine Frau die Aussage verweigerte, kam Mailer mit einer milden Strafe davon. Insgesamt war er sechs Mal verheiratet.

          Betrunkener Demonstrant gegen Vietnamkrieg

          Der ewige Zwist zwischen liberalem Amerika und republikanischen Großmachtsphantasien war bereits die Folie für "Die Nackten und die Toten". Der faschistoide General Edward Cummings hat ein durch und durch militaristisches Verständnis vom Leben im Allgemeinen und von der Zukunft Amerikas im Besonderen. Der liberale Leutnant Robert Hearn, für den Soldaten nicht nur Schachfiguren sind, rebelliert dagegen. Dieser Konflikt gibt nicht nur das Grundschema für zahlreiche Kriegsfilme seither ab, sondern bildet im Kern auch das literarische Spannungsfeld aller weiteren Mailer-Bücher. Mit "An American Dream" (1964; auf Deutsch "Der Albtraum") gelang ihm wieder ein Kritiker- und Publikumserfolg, diesmal mit Untergangsvision für Amerika. Und in dem Roman "Why Are We in Vietnam?" (Deutsch: "Am Beispiel einer Bärenjagd"), der nur in zweiter Linie vom Vietnamkrieg handelt, spielt Mailer wieder mit den Typen amerikanischer Gesinnung.

          Am 21. Oktober 1967 marschierte Mailer mit Tausenden von Kriegsgegnern auf das Pentagon zu und durchbrach - leicht betrunken wie immer - als Einziger die Absperrung. Die Polizisten waren überrascht, reagierten nicht sofort und bugsierten den Autor vorsichtig hinter die Barriere. Mailer schrieb eine berühmte Reportage über diese erste große Demonstration der Vietnamkriegszeit, "The Armies of the Night" (Deutsch: "Heere aus der Nacht"). Für diesen Text erhielt er 1969 den Pulitzerpreis.

          Filmemacher, Hobbyboxer und Jesus

          Sein Ausflug in die Filmkunst Ende der sechziger Jahre blieb trotz manischer Umtriebigkeit eine Episode. Drei Filme drehte er selbst, in Personalunion als Produzent, Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller und Cutter. Bei der Filmkritik fanden sie kaum Gnade. Noch 2002 verfasste er für Jean-Luc Godard das Drehbuch für den "King Lear".

          Der Hobbyboxer schrieb 1975 eine Reportage über den legendären Boxkampf Muhammad Ali gegen George Foreman ("The Fight") und erreichte darin die Eindringlichkeit der Stierkampf-Beschreibungen eines Hemingway. Eine weitere Reportage über den Doppelmörder Gary Gilmore wurde erneut mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Man kann es als Rückkehr zu seinen jüdischen Wurzeln verstehen, wenn Mailer 1997 einen Jesus-Roman schrieb, in dem der Messias höchstpersönlich in Ich-Form seine Geschichte erzählt. Theologen rezensierten das Buch sauertöpfisch, obwohl es mit durchaus raffinierten Trouvaillen aus der neueren Leben-Jesu-Forschung spielte. Allerdings kann man nicht leugnen, dass der Text stellenweise unfreiwillig komisch ist, da der Heiland allzu amerikanischen Geist atmet. Im Grunde ist Jehoshua Ben David bei Mailer ein Hipster.

          Kein gutes Haar an Bush gelassen

          Gegen die Republikaner und ihre Außenpolitik wandte sich Mailer 2003 in gewohnt radikaler Manier - "Why Are We at War?", fragte der Kriegsgegner und ließ kein gutes Haar an seinem Erzfeind George W. Bush. Sein letzter großer Roman ist eine skurrile und wohl nicht ganz geglückte Jugendgeschichte Adolf Hitlers aus der Perspektive eines Hilfsteufels. Das Thema setzt konsequent das Jesus-Projekt fort: Hipster versus Loser in metaphysischer Dimension - in seiner verschmitzten Phantastik ein würdiges Alterswerk.

          Auch wenn ihn Harold Bloom, vielleicht leichtfertig, aus seinem Kanon ausschließt - wir nehmen Abschied von einer großen amerikanischen Persönlichkeit der Literatur und des Lebens. Gestern ist der Hipster Norman Mailer im Alter von 84 Jahren gestorben.

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